Ruhrtriennale 2014: Eszter Salamons Choreografie MONUMENT O

MonumentO Ruhrtriennale 2014, Foto: Ursula Kaufmann

MonumentO Ruhrtriennale 2014, Foto: Ursula Kaufmann

Die Ruhrtriennale 2014 endete mit der Inszenierung MONUMENT 0 der Ungarin Eszter Salamon, die als tänzerisches Highlight für das Ruhrtriennale-Finale am Wochenende gut gewählt war. Esther Salamons Tanzperformance MONUMENT O, die in PACT Zollverein aufgeführt wurde, ist das Ergebnis einer Sammlung von Tänzen aus Kriegsregionen, das im August auf dem Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg Premiere feierte. Die ungarische Choreografin hat sich viel vorgenommen: In einem historischen Bogen von 1913 bis 2013 sollen die großen Kriege und Konflikte in einer Performance dargestellt werden.

Ein interessantes Vorhaben und eine Thematik, bei der man vorsichtig vorgehen muss, um sich nicht den Vorwurf einer Ästhetisierung des Krieges gefallen lassen zu müssen. Das wäre angesichts der Grauen der Konflikte, die das Tanzstück behandelt, ein harter Vorwurf: Es geht unter anderem um den 1. Weltkrieg, den Vietnamkrieg, den Völkermord in Ruanda, den jugoslawischen Bürgerkrieg und die Revolution 2011 in Ägypten.

Wichtig ist Salamon bei ihrer Auswahl der kriegerischen EREIGNISSE, dass in den Konflikten die westliche Welt in irgendeiner Form involviert war. Angesichts der aktuellen Debatte um deutsche Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak, ein brandaktuelles Thema. Doch spätestens an diesem Punkt wird klar, dass es nicht gelingen kann, globale Konflikte in zwei Stunden zu erzählen. Die Komplexität der Kriege und die unterschiedlichen Ursachen und verschiedenen Ausprägungen bewaffneter Konflikte zu beschreiben, ist MONUMENT O nicht gelungen.

Das ändert aber nichts daran, dass Salamon etwas anderes, sehr Großes gelungen ist: Krieg und kriegerische Handlungen als ein kollektives Phänomen zu zeigen, das nicht einzigartig – sondern in allen Kulturen, zu jeder Zeit und überall auf der Welt möglich ist. Durch ihre beeindruckende Sammlung von Stammes- und Volkstänzen aus fünf Kontinenten, Stockkampfkünsten und zeitgenössischen Tanzelementen gelingt es ihr, das Elementare, das Zurückgeworfen sein und die explosiven Emotionen in den gewalttätigen Auseinandersetzungen der letzten 100 Jahre choreografisch darzustellen. Für den Zuschauer gibt es kein Entrinnen.

Die starken Visionen und Bilder fesseln von Anfang an. Nachdem das Publikum zu Beginn der Vorstellung längere Zeit im Dunkeln verharrt und sich die gewohnte Orientierung im Raum verliert, werden nach und nach am Boden liegende Figuren sichtbar. Die Inszenierung beginnt mit einem Schlachtfeld, das man zunächst nur erahnen kann, dann aber als Massengrab der Toten mit voller visueller Kraft erkennbar wird. Salamon benutzt Bilder, die wir von Fotografien der Weltkriege und aus der aktuellen Kriegsberichterstattung kennen.

Die bedrückende Atmosphäre bleibt bis zum Schluss bestehen. Sie wird durch die gekonnt düster-spartanische Lichtinszenierung von Syvie Garot verstärkt, das Stück kommt fast ohne Bühnenbild aus. Nur die schwarzen Schilder mit den kreideweißen Jahreszahlen der gewalttätigen Konflikte und Kriege der Vergangenheit an den Rändern des Bühnenraumes machen darauf aufmerksam, dass hier nicht etwas Abstraktes verhandelt wird: Es geht um real Erlebtes.

Salamon verarbeitet in ihrer Choreographie Kriegstänze zu einem Rückblick auf 100 Jahre Kriegsgeschichte. Kriegstänze waren in vielen Kulturen Zeichen des Widerstandes gegen Unterwerfung und Zerstörung oder dienten der eigenen Ermutigung bei Kriegsvorbereitungen oder zur Einschüchterung der Feinde. Es ist ein hervorragend gelungener Kunstgriff mithilfe dieser Tänze, die Gewalt der Kriege auf die Bühne zu bringen. Die hochkonzentrierte Präsenz der sechs Performerinnen und Performern verliert nicht einen Moment während der 140 Minuten Aufführung – ohne Pause – ihre Kraft. Eine Höchstleistung der Tänzer!

Der teilweise bedrohlich wirkende Rhythmus der Füße erinnert an marschierende Soldaten – an anderer Stelle an das aufpeitschende Trommeln bei Kriegsgesängen und das Geräusch rhythmisch tanzender Kriegerstämme. Vier Tänzer mit einem Stab greifen das kämpferische Element von Kampfsportarten wie Taiaha oder Shaolin Kung Fu auf. Sakral wirkenden Gesänge schwellen an und klingen ab.

Figuren mit Masken tauchen auf, ziehen sich zurück in den hinteren Bühnenraum und verschwinden im Dunkel. Körper zittern, zucken fast epileptisch, Angst macht sich in den Gesichtern breit – und wird wieder aufgelöst: Die Tänzer bilden eine Runde und klatschen in die Hände, wie bei einem Kinderspiel. Die Tänze werden ekstatisch und die Gesichter, wie Masken geschminkt, blicken wild und aggressiv. Tierische Geräusche wechseln mit kehligen Gesängen. Die Tänzer bekämpfen sich mit Messern, fassen sich dann an den Händen und finden in einem Kreistanz wieder zu einer Gemeinschaft zusammen. Männer überwältigen FRAUEN von hinten, deuten an, sich die Kehle durchzuschneiden, Invaliden schleppen sich zum Bühnenrand, brechen wie ein verletztes Tier zusammen, eine Schamanen-ähnliche Figur mit roter Maske taucht in der Mitte der Liegenden auf, dann wieder jagt eine Tänzerin die andere mit grellem Triller-Pfeiffen über die Bühnen-Fläche.

Diesen suggestiven Bildern, Gesten und Gesängen kann man sich nicht widersetzen – sie reissen einen mit in die Abgründe kriegerischer Auseinandersetzungen und berühren emotional tief. Das hohe Niveau der Abstraktion wird nur am Ende der Inszenierung kurz verlassen. Einer der Tänzer wirft verzweifelt die aufgestellten Jahreszahlen-Schilder um – am Boden sind Knochenteile und Totenköpfe verteilt. Diese Bildsprache am Ende des Stückes ist nicht notwendig, denn das Publikum ist längst dem Sog der starken und faszinierenden Choreografie erlegen. Und die Botschaft ist auch ohne Leichensymbolik klar: Das Leiden im Krieg ist unendlich groß und universell.

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