Erstaufführung Oper Dortmund: „Anna Nicole“ – Sehnsucht, Sex und Gier

Emely Newton als Anna Nicole, Foto: Thetaer Dortmund

Emely Newton als Anna Nicole, Foto: Thetaer Dortmund

Samstag feierte die furiose und temporeiche Oper Anna Nicole des zeitgenössischen Komponisten Mark-Anthony Turnage, inszeniert von Jens-Daniel Herzog, Premiere in Dortmund. Die Erstaufführung in Deutschland könnte ein Kultstück werden. 2011 wurde die Uraufführung der Parabel auf den American Dream in der weltberühmten Londoner Royal Opera House gezeigt – britische Kritiker und das Londoner Publikum waren gleichermaßen begeistert. Und manch einer  fühlte sich an Berthold Brecht’s Dreigroschenoper erinnert. Turnage’s aufregende Mischung aus populärer Musik, Jazzelementen, E-Gitarre/E-Bass/Saxophonklängen, gefühlvollen Arien, Operettenelementen, schönen Chorstücken ist aufwühlend, spannend und macht großen Spaß.

Es verwundert angesichts der hohen gesanglichen Qualität und eindrucksvoll inszenierten modernen Oper nicht, dass Anna Nicole nicht nur bei dem Abonnenten-Publikum gut ankam, sondern auch neues, jüngeres Publikum anzog. Mühelos mischt der 52-jährige Brite Turnage, ein Vertreter der Neuen Musik, in seiner Komposition Musikelemente aus Moderne und Tradition „at its best“ und erzählt auf wundervolle Weise die wahre Glamour-Story vom gesellschaftlichen Aufstieg und Fall einer Kleinstadt-Schönen, die immer wieder vom tragischen ins komische Fach driftet. Der Komponist war bei der Premiere zu Gast und erfreute das Premierenpublikum mit seinem unverkennbar britischen Humor.

Anna Nicole Smith – das Leben der Texanerin ist ein Hollywoodfilm, der als B-Movie startet und in rasantem Tempo zum A-Movie wird, denn Anna Nicole verfolgt den großen amerikanischen Traum unerbittlich und mit viel Ehrgeiz. So schafft sie es innerhalb weniger Jahre vom strippenden Provinzmädchen zum Playboy Plamate Of The Year und nach einer Brustoperation, die ihr Körbchengröße „Double-D“ verschafft, zum Medienstar. Dem Traum von Reichtum und der damit verbundenen Unbeschwertheit kommt sie zum Greifen nah, als sie den Ölmilliardär James Howard Marshall heiratet. Sie ist gerade 26 Jahre alt geworden, er ist 89 Jahre alt. Marshall II. wird hervorragend gesungen und gespielt von Hannes Brock – er stellt den Ehemann Nr. 2 als fidelen Lustgreis dar, der sich zum Lebensende nochmal Spaß gönnen will. Anna Nicole sieht ihre große Chance endlich gekommen. Nach seinem Tod wird Anna Nicoles American Dream schnell zum Alptraum aus Medikamentenmissbrauch, einem erfolglosen Rechtsstreit um ihren Anspruch auf Marshalls Erbe und einer trostlosen Ehe mit ihrem Ehemann Nr. 3, Howard K. Stern.

Das Opernstück wirft die Zuschauer zwischen den Genres Komödie und Tragödie hin und her – und manchmal emotional aus der Bahn. Das angenehm kühle Bühnenbild (Frank Hänig) steht im Kontrast zu den Szenen voller Emotionen, Witz, menschlicher Schwächen und kleiner Grausamkeiten der Protagonisten untereinander. Der Opernchor steckt in Kostümen (von Sibylle Gädeke), die schrill und bunt alle modischen Scheußlichkeiten der 80/90er Jahre zu einem komischen Gesamtbild zusammenführen. Auf die Spitze getrieben wird dieser komische Part, als die Chorsängerinnen Tafel-Bilder von überdimensionierten Brüsten zum Auf- und Zuklappen vor ihren Oberkörper halten: Burlesque!

Zwischen dem Lachen bei solchen Szenen und Sprachlosigkeit angesichts Anna Nicoles kompromissloser Bereitschaft, den Körper für den Traum vom Reichtum zu verkaufen und den traurigen Momenten, die Anna Nicole in ihren drei unglücklichen Ehen verkraften muss, verbündet man sich unweigerlich mit dem texanischen Girl, das sich nichts mehr wünscht, als ein Stückchen des Glücks zu erwischen, das die anderen haben. Selbst die Raffgier nach Juwelen und Chaneltäschchen findet man verzeihlich – ist sie doch eigentlich nur ein Opfer des großen amerikanischen Traums, den sie am Ende nur noch „ficken will“ – so wie „er sie gefickt hat.“ Die Texte sind derbe. Auch wenn Herzog bei seiner Rede auf der Premierenfeier versichert, dass die Originaltexte noch viel härter wären, haben die Dramaturgen Hans-Peter Frings und Georg Holzer das Dortmunder Publikum ohne Zurückhaltung oder falsche Rücksicht  dem Wortgepoltere ausgesetzt, das an einigen Stellen einem Porno zur Ehre gereicht hätte. Das Publikum honorierte den Mut, es gab weder Buhrufe noch andere Unmutsbekundungen – nur ein paar verlassene Sessel nach der Pause verrieten die Meinung  mancher Besucher über diese überraschende Inszenierung.

Die großartige Emily Newton (Anna Nicole) überzeugte das Publikum nicht nur mit einem Sopran, der mühelos zwischen heiterem und melancholischem Gesang wechselt, sondern auch mit ihrem schauspielerischen Können. Sie spielt anfangs mit großem komischen Talent – im Schauspiel eine der schwersten Übungen – eine junge, lustige und lebenshungrige Anna Nicole, die sich aus ihrem beengten und bedrückenden Zuhause befreien möchte. Im weiteren Verlauf ihres Erfolges und gesellschaftlichen Aufstieges stellt Newton ebenso identisch Anna Nicole als Stripteasetänzerin dar, die hart zu sich selbst und anderen ist und vollkommen unsentimental ihr Ziel verfolgt. Sex ist für sie ein Mittel zum Zweck und das Ziel ist ein wundervolles reiches Leben – das heiligt alle Mittel.

Die Dortmunder lassen sich nicht nur durch klassischen Operninszenierungen sondern ebenso mit modernen Stücken begeistern. Herzog gelang es in seiner Inszenierung nicht nur die Geschichte vom „dummen Blondinchen“ oder der „geldgeilen Schlampe“ zu erzählen, sondern immer auch die Verletzlichkeit der Anna Nicole durchschimmern zu lassen. Das ist neben viel Humor die Qualität der Herzog’schen Anna Nicole: Das differenzierte Bild einer Frau zu zeigen, die sich durch die Selbstkonstruktion als Vamp als Projektionsfläche des Begehrens perfektioniert. Sie macht sich auf diese Weise zur Erfüllerin der Erwartung der Gesellschaft und gleichzeitig zum Opfer ihrer eigenen Erwartung an die Gesellschaft. Die Figur wird von Herzog niemals ins Lächerliche gezogen – eine gelungene Gratwanderung zwischen der lebensfrohen, fast revueartigen Darstellung der jungen aufstrebenden Anna Nicole und dem langsamen inneren und äußeren Verfall der gescheiterten modernen Lulu. Dass sie nach ihren Ikarus-Flügen so hart landet, geht einem ans Herz – denn es galt in ihrem Leben vor allem eines: Diamonds are a Girl‘s Best Friend. Ein längeres und sorgloses Leben in Saus und Braus mit Glitzer, Schischi und pinkem Tant hätte man ihr, spätestens nach diesem Opernabend, gewünscht.

Die Oper beruht auf einer wahren Geschichte. Anna Nicole Smith wurde nur 39 Jahre alt, sie starb Februar 2007 in einem Hotel in Hollywood an einem Medikamentencocktail – nur 1 Jahr nach ihrem Sohn Daniel.

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