Ausstellungseröffnung “Böse Clowns”: Im Gespräch mit der Kuratorin Inke Arns / HartwareMedienKunstVerein

Clown von Marion Auburtin, Marionette (clown maléfique) Öl auf Papier, 31 x 41 cm, 2013

Clown von Marion Auburtin, Marionette (clown maléfique), Öl auf Papier, 31 x 41 cm, 2013

Es gibt viele verschiedene Clowns. Man findet sie im Varieté, begegnet ihnen in den großen und kleinen Zirkusarenen, in Fußgängerzonen, in Schulen und zuweilen auch im Kino. Meistens sind sie tollpatschig, manchmal lustig, ein paar zauberhaft poetisch. Andere sind laut und nervig, manche wiederum zutiefst anrührend und amüsant. Doch neben der Welt dieser guten und freundlichen Geschöpfe, existiert ein zweites Clownsuniversum – das der bösen Clowns. Diese Welt erkundete die Kuratorin Inke Arns in den vergangenen Monaten für die internationale Ausstellung „Böse Clowns“, die ab dem 27. September 2014 in Kooperation mit dem Jeu de Paume in Paris, im Hardware MedienKunstVerein (HMKV) im Dortmunder U. 

Ich besuche Inke Arns, die mitten in den letzten Vorbereitungen für „Böse Clowns“ steckt, um mehr über die Ausstellung zu erfahren. In ihrem Büro treffe ich auf das, was man in einem künstlerischen Umfeld erwartet: Kreatives Chaos. Kataloge, Fotografien, CDs, Comics und Clownliteratur stapeln sich neben Kaffeetassen und Kekstüten auf dem Schreibtisch. Am Fenstergriff hängt eine gar nicht fröhlich blickende Marionette mit weißer Maske und bunten Pluderhosen. Der Boden wird fast vollständig von großen Plakaten bedeckt, auf denen zwei schwarz-weisse Clowngesichter zu sehen sind. In diesem Raum dreht sich offensichtlich seit längerer Zeit alles um die beunruhigenden und ein bisschen furchteinflößenden “Bösen Clowns”. Was aber hat es mit dieser Figur auf sich?

Jeder von uns hat Erinnerungen an Clowns. Den Schulclown, der mit roter Plastiknase und dem ewigen Dummer-August-Lächeln ungeschickt und wenig komisch über seine zu großen Schuhe fiel, mochte ich nicht besonders. Dafür erinnere mich gerne an den „kleinen Helmut“ im Circus Krone, der immer eins auf die Mütze bekam. Den weißen Clown, der viel größer und schöner als Helmut war, mochte ich nicht.

Für Inke Arns sind gerade diese bösen Clowns, die in den unterschiedlichsten Kontexten vorkommen, faszinierend. Die Ambivalenz dieser Figuren kann tief verunsichern und verwirren. Inke Arns beschäftigt sich seit 2011 mit dem Ausstellungsthema, das so umfangreich ist, dass das Material vermutlich für zwei Ausstellungen reichen würde. Die Ausstellung wird sich nicht allein künstlerisch mit den bösen Clowns auseinandersetzen, sondern den Bogen von politischem Aktivismus über psychologische Sichtweisen bis hin zu einer kulturhistorischen Betrachtung spannen. Gerade die Herangehensweise der Kuratorin, möglichst viele Facetten der beunruhigenden Figur der “Bösen Clowns” in der Ausstellung zu thematisieren, macht sie interessant. Dabei werden auch Elemente von Popkultur und Aspekte der Alltagskultur aufgeriffen. Arns ist wichtig zu zeigen, „dass zeitgenössische Kunst nichts Abgehobenes ist. Die Kunstwerke, die wir zeigen, sind auch deswegen für jeden von uns relevant und berühren uns, weil sie unmittelbar an unser alltägliches Erleben anknüpfen.“

Wer hat Angst vorm bösen Clown?

Gut und böse, lustig und traurig, naiv und hintertrieben – die Dichotomie der clownesken Variationen spiegelt das Leben wieder. Im Kino jedoch haben die bösen Clowns inzwischen die Mehrheit. Inke Arns wundert das nicht: „Heute gibt es eigentlich keine guten Clowns mehr. Bei meinen Recherchen zu Kunstwerken, die sich mit Clowns auseinandersetzen, entdeckte ich viele spannende Figuren – nicht nur im Kunstfeld, sondern auch im Bereich des politischen Aktivismus, wie bei der Bewegung Anonymus (Guy Fawkes), die mit einer Art Clownmaske arbeitet, bei den Parodien zu Ronald McDonald oder auch bei dem Joker, dem bösen Gegenspieler von Batman“.

Facebook-Eintrag des Northampton Clown

Facebook-Eintrag des Northampton Clown

Man muss keine Coulrophobie haben, um sich vor diesen Figuren zu fürchten. Der Kulturtheoretiker Mark Dery beschreibt, dass seit den 80er Jahren die Menschen Angst vor vor Clowns haben, auch die meisten Kinder. Das bestätigt eine Untersuchung der Universität von Sheffield mit 250 Kindern zwischen vier und 16 Jahren. Zu der Frage, welche Bilder in den Zimmern eines Kinderkrankenhauses hängen sollten, wünschte sich keines von ihnen ein Clownsbild. Zu dem schlechten Ruf der Clowns hat sicher auch der Massenmörder John Wayne Gacy beigetragen, der als „Pogo der Clown“ in den 70er Jahren bei Kinderfesten und Charity-Veranstaltungen auftrat und, versteckt in dieser Rolle, insgesamt 33 Menschen ermordete. Der Horror diese zweideutigen, unheimlichen Figur wird nicht zufällig im Kino aufgegriffen. Inke Arns ist der Überzeugung dass „der Clown, der Lust an der Zerstörung hat, der moderne Clown ist. Joker, der als weiß geschminkter Psychopath mit einem bizarren Dauergrinsen mordet oder auch Pennywise, der in Stephen Kings Horror-Roman „Es“ eine unglaublich bedrohliche Atmosphäre verbreitet, beweisen, dass sich Clowns als Horror-Figur besonders gut eignen. Der Bruch zwischen der Rolle des lustigen Witzemachers und der Killermentalität ist besonders krass – für unsere Gefühlswelt hat das eine erschreckende Fallhöhe“. Der HMKV zeigt daher in einer 6-teilgen Reihe herausragende Filmwerke wie die Fernsehproduktion von „Es“, aber auch Trash-Filme, wie das B-Movie „Killer Clowns from Outer Space“. Bei der Batman-Vorführung von „The dark night“ wird ein Psychologe zur Rolle des Joker und zu der Frage, warum sich der Clown offenbar besonders gut als geradezu archetypisches Angstmotiv eignet, sprechen.

Das Clowns häufig eher Angst erzeugen, als Lachen auslösen, zeigt der HMKV mit dem Phänomen des Northampton Clown, der 2013 in den Straßen der englischen Industriemonopole mit einem Strauß bunter Luftballons herumstand und einfach nur schweigend winkte. Diese Aktion sorgte für große Unruhe bei den Menschen und wurde zum globalen Medienereignis. Nicht nur in Europa sondern auch in Australien, Indien und Japan wurde darüber berichtet – bis sich herausstellte, dass es die „Performance“ eines Filmstudenten war.

Kommunikationsguerilla The Yes Men

Doch ist das zeitgenössische Clown-Dasein oft noch subtiler: Die Aktionen der Netzkünstler The Yes Men sind für die Kuratorin Arns im besten Sinn clownesk – wenn auch durchaus mit böser Clown-Intention. Das Künstlerduo stellt gefakte Websites ins Internet – mit erstaunlicher Wirkung. Nachdem zum Beispiel ihre gefälschte WTO-Website im Jahr 2000 online ging, wurden die beiden Künstler als Repräsentanten der Weltwirtschaftsgesellschaft zu einem Kongress über internationale Handelsgesetze eingeladen und erzählten dort – zum großen Erstaunen der Kongressteilnehmer – wenig Wirtschaftsfreundliches.

DSC00136Die Aktivistengruppe sehen diese öffentlichen Auftritte, bei denen sie in eine fremde Rolle schlüpfen, um andere bewusst zu täuschen, als Hilfe an. Sie würden schließlich Unternehmen bei ihrer Imageverbesserung unterstützen und stellvertretend die Dinge sagen, die ein Unternehmen nicht äußern könne. Für Inke Arns ist ein besonders spannendes Beispiel für die Verbindung von Kunst und politischem Aktivismus die Aktion zum 20. Jahrestag der Chemiekatastrophe in Bophal. Dort trat einer der Yes Men als Dow Chemical-Sprecher in einer BBC-Sendung auf, und versprach, dass nun endlich die Überlebenden des Unglücks für die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen entschädigt werden würden. Obwohl (oder gerade weil) die Yes Men völlig überzogen auftraten, waren sie so überzeugend, das der BBC erst nach der Ausstrahlung der Sendung auffiel, dass die ganze Geschichte ein Fake war.

Inke Arns: „Sie konnten diese brisanten Dinge nur öffentlichkeitswirksam ansprechen, weil sie sich unter der Maske eines anderen ins Fernsehen gemogelt haben. Sie sprachen aus, was sich vielleicht alle wünschen, was aber die Firma Dow Chemical, die nur nach den finanziellen Interessen der Aktionären handelte, niemals gemacht hätte – und daher auch nicht gesagt hätte. Diese Form des Aktivismus ist nur möglich, weil The Yes Men nach ihren Aktionen ganz schnell wieder verschwinden – noch bevor jemand überhaupt gemerkt hat, was da gerade passiert ist. Durch diese geniale Hochstapelei gelingt es den The Yes Men hervorragend als subversive Clowns zu agieren.“

U3000 – ein Projekt von Christoph Schlingensief

In diese Reihe moderner Clowns passt auch gut der in Oberhausen geborene Christoph Schlingensief. Er ist einer der bekanntesten Künstler in Deutschland und berühmt für seine oft provokativen Grenzgänge zwischen Kunst, Politik, Kino, Fernsehen, Theater und Oper. Zum Jahreswechsel 2013/2014 zeigten die Kunstwerke (KW) in Berlin eine Retrospektive des Werkes des 2010 verstorbenen Künstlers. Inke Arns hat bereits angeregt, den aus dem Ruhrgebiet stammenden Künstler auf der “Beletage” des Dortmunder U zu zeigen. Auch sie meint, dass die Retrospektive, die Anfang 2014 im weltberühmten New Yorker MOMA (P.S.1) zu sehen war, in der Heimatregion des Künstlers einen angemessenen Platz finden sollte.

Christoph Schlingensief U3000, Foto: schlingensief.com

Christoph Schlingensief U3000, Foto: schlingensief.com

Ohne Zweifel würde das Gesamtkunstwerk von Schlingensief überregional wahrgenommen werden. Es könnte ein großes, interessiertes Publikum finden und die von der Politik so oft beklagten niedrigen Besucherzahlen in dem Ausstellungsturm steigern. Doch bis angemessene Räume gefunden sind, wird Christoph Schlingensief erst einmal in der Ausstellung “Böse Clowns” mit der MTV-Live-Fernsehsendung „U3000“ zu sehen sein. Inke Arns wählte diese Arbeit aus, weil Schlingensief als Moderator in der Live-Show in einer Berliner U-Bahn selbst auf faszinierende Weise die Rolle des bösen Clown einnimmt. „Er mimt zwar den fröhlichen harmlosen Entertainer – macht aber mit den Fahrgästen Aktionen, die überraschend, schnell, schrill, anarchistisch, subversiv und chaotisch sind. Sie sind ein toller Kommentar auf unsere Spaßgesellschaft, zu den Talkshows, die Privatheit oft auf schmerzliche Art öffentlich machen und trashigen Live-Formaten, wie Big Brother.“ Schlingensief geht an die Schmerzgrenze der Zuschauer und ist in der Moderatorenrolle doch eigentlich ein trauriger Clown, der tapfer seine Witze reißt.

Auch wenn gerade schlechte Zeiten für gute Clowns sind, beweisen die bösen Clowns am Ende das Gegenteil: Auf die melancholische Schönheit, die ein Scheitern hervorbringen kann, wie es Marcel Marceaus’ Bip zeigt, kann man nicht verzichten. Und auch die stille Komik eines Oleg Popow möchte man nicht vermissen müssen. Warum nur? Wer könnte es besser als Shakespeare sagen: „Das Leben ist nur ein wandelnder Schatten, ein armseliger Komödiant, der sein Stündchen auf der Bühne Kapriolen schlägt und dann nicht mehr vernommen wird. Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Clown, großmäulig und farbenfroh – aber bedeuten tut es gar nichts.“ (Macbeth).

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