Ruhrtriennale-Premiere : Surrogate Cities Ruhr – ein gelungenes Klangportrait

Probe " Surrogate Cities Ruhr "

Surrogate Cities Ruhr; Foto: Ruhrtriennale 2014 / Marc Coudrais

Surrogate Cities Ruhr vermittelt überzeugend Dynamik und Energie des im Ruhrgebiet von mehreren Zentren bestimmten, städtischen Raums durch Töne, Klänge und Rhythmen. Am Wochenende wurde die Klang-Imagination von Ruhrtriennale-Chef Heiner Goebbels in Duisburg aufgeführt. Der 7-teiligen Komposition von 1994 gelang es, die Metropolregion Ruhrgebiet musikalisch beeindruckend nachzuzeichnen.

Bereits 2008 wurde Goebbels Komposition mit den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Sir Simon Rattle in der Arena von Berlin-Treptow aufgeführt. Die Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark Nord eignet sich ebenso gut als Aufführungsort: Die alte Industriehalle bietet eine hervorragende Akustik für dieses Klangportrait des Ruhrgebietes. Das Publikum – zu beiden Seiten der mittig platzierten Bochumer Philharmoniker – fand sich inmitten der Klänge wieder. Die Musik konnte durch die Positionierung des Orchesters ihre volle Klangkraft entfalten und wurde zur Kraftzentrale der Aufführung.

Surrogate Cities Ruhr wäre nicht in irgendeiner Stadt oder einer beliebigen Region möglich gewesen. Das Orchester, dirigiert von Steven Sloane, spielte kontrastreich und dynamisch. Den Percussionisten gelang es, einen Klangteppich zu erschaffen, der die einzigartige Geräuschkulisse der ehemaligen Industrieregion aufgriff: Musik, Sampler und eine faszinierende Soundsammlung, bestehend aus akustischen Bruch- und Fundstücken, brachten den Pott zum klingen. Dazu gehören ein harter starke Bässe und vehemente Streicherklänge, die nicht den Charakter eines Dienstleitungszentrums oder eines neu erschaffenen IT-Wirtschaftsstandortes ausdrücken, sondern eine Referenz auf die vergangenen Zeiten dieser ehemaligen Industrieregion sind.

Surrogate Cities Ruhr, Jocelyn B. Smith; Foto: Wonge Bergmann

Surrogate Cities Ruhr Jocelyn B. Smith; Foto: Wonge Bergmann

Kraftvoll war auch der Gesang der New Yorker Jazzsängerin Jocelyn B. Smith und des Stimmakrobaten David Moss. Beide interpretierten Texte von Paul Auster, Heiner Müller und Hugo Hamilton, darunter die Drei Horatier-Songs von Heiner Müller. Das dritte Lied Dwell Where the Dogs Dwell wurde erstmals für Surrogate Cities orchestriert. David Moss gelang es scheinbar mühelos seine viereinhalb Oktaven umfassende Stimme – die an manchen Stellen an Leonhard Cohen erinnerte – von grollender Tiefe in höchste Höhen zu katapultieren. Er schrie, raunte, sang, ächzte, rezitierte, saugte, trällerte, raspelte … Es war großartig. Jocelyn B. Smith beeindruckte mit einer raumgreifenden und -beherrschenden Stimme, die sich zwischen Jazz und Blues bewegte. Allein für diese beiden Gesangparts lohnt sich ein Besuch in Duisburg. Orchester und Sänger waren Teil der Choreografie der Französin Mathilde Monnier. Die 140 Akteure bewegten sich in der eineinhalbstündigen Inszenierung stetig um die Philharmoniker herum. Monnier hatte Mitglieder von Tanz-Compagnien, Laien-Tanzgruppen, Kampfsport-Gruppen, und HipHop-Tänzern aus dem Ruhrgebiet eingeladen. Die Darsteller, darunter zahlreiche Kinder, wurden selbst zu Klangkörpern. Das Trappeln von vielen Kinderfüßen ergab einen ebenso interessanten Kontrapunkt zum Orchester, wie das schnelle, ruckartige Abreißen von am Boden klebenden Tape-Bändern – im besten Sinne eine Klang-Choreographie. Unter den Amateuren waren einige Talente, denen man jenseits von DSDS die Entdeckung wünschen würde.

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Surrogate Cities Ruhr Foto: Ruhrtriennale 2014 / Marc Coudrais

Was Surrogate Cities Ruhr klanglich hervorragend gelang – die Transformation urbaner Strukturen in Musik – war in der Tanz-Choreografie nicht immer überzeugend. Das Aufmalen von weißen Kreidezeichen, die nach und nach den schwarzen Boden der Halle bedeckten, bot zwar ein starkes Bild der komplexen Strukturen, feinen Netzwerke und Verflechtungen einer Metropol-Region. Und auch das Aufstellen zuvor bemalter Papierrollen war ein starkes visuelles Sinnbild der Vertikalen einer Stadt. Der Bau von Lebensmittelkarton-Inseln hingegen war zwar für das Publikum als Konsumkritik nachvollziehbar, verlor sich jedoch schnell als szenische Darstellung in etwas zuviel gewollter Symbolik. An manchen Stellen hätte man sich etwas weniger Tanzprojekt gewünscht. Heiner Goebbels „Versuch, sich von verschiedenen Seiten der Stadt zu nähern, von Städten zu erzählen, sich ihnen auszusetzen, sie zu beobachten“ ist beeindruckend. Komposition und Gesang sind so reich an Klangbildern und Assoziationen, dass sie allein die Vorstellungskraft der Zuhörer aufs Höchste anregen.

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