Tod eines Handlungsreisenden: Über die Vergänglichkeit des Erfolges und die Liebe, die alles Scheitern überdauert

Tod eines Handlungsreisenden

Tod eines Handlungsreisenden: Andreas Beck und Sebastian Graf, Foto: Birgit Hupfeld

Am Samstag feierte das Schauspielhaus Dortmund die Premiere des Bühnenklassikers „Tod eines Handlungsreisenden“, ein Drama von Arthur Miller, das unter anderem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde. Die meisten werden das Stück in der Verfilmung von Volker Schlöndorff mit Dustin Hoffmann kennen. Hoffmann wurde 1986 für seine schauspielerische Leistung als bester Darsteller mit dem Golden Globe, nach dem Oskar der wichtigste Preis für Filmschauspieler, ausgezeichnet. Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof schickte den Dortmunder Schauspieler Andreas Beck als Willi auf die Bühne. Wie sich zeigte: Ein Glücksgriff.

Die Beck’sche Interpretation des Vertreters Willi Lomann ist packend, erregt beim Zuschauer mal Sympathie mal Mitleid und manchmal auch tiefe Ablehnung. Der Vertreter, der dem Erfolgsdruck der Firma nicht mehr standhält und seiner Familie wochenlang vorspielt, dass er als Handlungsreisender erfolgreich durch die Staaten fährt, bricht nach und nach auseinander. Das harte Korsett des vermeintliche Erfolges „mich kennen alle“ und der Wertschätzung seines alten Chefs und seiner Kunden „ja, ich bin sehr beliebt, das ist wichtig“ hält ihn nicht länger zusammen.

Willi verliert zunehmend den Bezug zur Realität und versinkt in innerer Verwirrung. Verzweifelt bäumt er sich immer wieder auf und erzählt über die vergangenen Erfolge und die hart erarbeiteten Provisionen: „4260,- Dollar umgesetzt, 1760,- Dollar Provision“. In Wahrheit wird er mit 320,- Dollar abgespeist und am Ende vom neuen Boss, für den die Werte des alten Chefs nichts mehr zählen, wie ein ausgedienter, räudiger Hund und vor die Tür gesetzt. Die Szene schmerzt, als Willi fassungslos meint: „Der Mensch ist doch kein Abfall.“ Doch hier zählt tatsächlich nur der Warenumsatz, nicht der Mensch.

Tod eines Handlungsreisenden, Andreas Beck und Uwe Rohbeck, Foto: Birgit Hupfeld

Andreas Beck und Uwe Rohbeck, Foto: Birgit Hupfeld

Die Bühne, vollgestellt mit verpackten Küchengeräten, stellt die Ware in den Vordergrund. Die Schauspieler bewegen sich zwischen ihnen, sitzen mal auf den Kühlschränken oder räumen dann wieder Waschmaschinen und Herde hin und her. Dennoch bleiben sie von Anfang bis Ende des Stückes dominant im Mittelpunkt des Raumes und bilden fast bedrohlich wirkenden Waren-Türme. Einzig die im Hintergrund des angenehm reduzierten Bühnenbildes abgespielten Filme in schwarz/weiß sind überflüssig. Ein so konzentriertes, hervorragend gespieltes Kabinettstück wäre allerbestens ohne Video ausgekommen. Das der Einsatz von Film- und Videoelemente zum hervorstechenden Charaktermerkmal des Schauspielhauses Dortmund gehören – gut so! Wie ein „Zwang“ sollte dies Stilmittel aber nicht bei jeder Produktion (mit)wirken.

Die beiden Söhne Biff (Peer Oscar Musinowski) und Happy (Sebastian Graf) begreifen lange nicht, was mit Willi vor sich geht und finden die Selbstgespräche ihres Vater peinlich. Sie drehen sich um ihre eigene Welt, die bei Happy aus Frauen und schnellen Autos und bei Biff aus der Rebellion gegen den Vater und dessen spiessiges und unbedeutendes Leben besteht. Willis Frau Linda jedoch beobachtet die Veränderungen ihres Mannes schon länger mit größter Sorge. Den Anschluss zur Gasleitung hat Willi bereits heimlich im Keller gelegt. Die Aussicht auf eine Leben in dem alles, wofür er sich ein Leben lang abgestrampelt hat, verloren geht, erscheint ihm sinnlos. Das Haus, das Auto, das bessere Leben für seine Söhne, der american dream – ausgeträumt. Als Linda die Unbedarftheit und die Egozentrik der Söhne nicht mehr erträgt, bricht es aus ihr heraus: „Er stirbt, Biff. Ist Euch das denn egal?“

Peer Oscar Musinowski, Sebastian Graf und Andreas Beck, Foto: ©Birgit-Hupfeld.

Peer Oscar Musinowski, Sebastian Graf und Andreas Beck, Foto: © Birgit Hupfeld.

Erst ab diesem Moment halten die Söhne inne. Biff beschliesst, der Familie beizustehen und zu bleiben, statt nach Alaska auszuwandern. Doch der stete Druck des Vaters, der aus ihm einen Fußballstar machen will, führt immer wieder zu Streit. Musinowski spielt die Rolle des rebellierenden Jugendlichen glaubhaft, sein innerer Konflikt zwischen Loyalität gegenüber dem gebrochenen Vater und Ekel vor dessen zunehmender Schwäche, stellt er überzeugend dar.

Denn Willi schwankt weiter zwischen dem trotzigen Aufbegehren gegen sein Schicksal „Ich bin BELIEBT!“, tiefer Verzweiflung „Der Wald brennt!!“ und totaler Resignation: „Das einzige was zählt ist was Du verkaufst.“ Seine Frau Linda hält trotzdem zu ihm. Auch wenn ihr Ehemann sie immer wieder anschreit und auch sonst wenig liebevoll zu ihr ist, scheint ihre Liebe unverwüstlich zu sein. Selbst dann noch, als er in Hausschlappen durch die Nachbarschaft laufen will oder nachts im stockdunklen Garten Gemüse aussäht. Eine starke Frauenfigur, hervorragend und ohne falschen Pathos von Carolin Wirth gespielt. Eine Frau die nicht das Heimchen am Herd ist und nicht aufgeben will, sondern ihren Mann vor dem drohenden Selbstmord zu retten versucht, ohne ihn dabei zu beschämen. Dieser Gedanke zeigt den Kern der Liebe Lindas zu ihrem Mann.

Tod eines Handlungsreisenden, Andreas Beck und Carolin Wirth, Foto: Birgit Hupfeld

Andreas Beck und Carolin Wirth, Foto: Birgit Hupfeld

Wenn Linda Lomann die Respektlosigkeiten des Sohnes ihr zuviel werden, baut sie sich schützend vor ihren Ehemann auf oder fordert an anderen ihren Sohn flehentlich auf: „Sei lieb zu Papa. Lächele Papa an. Du rettest ihm sein Leben“. Biff fällt das zunehmend schwer, hat er doch entdeckt, dass sein Vater eine heimliche Geliebte hat. Ein weiterer Bruch in der komplizierten Vater-Sohn-Beziehung, das Bild des Patriarchen ist nun endgültig zerstört. Nur der Vater hält noch fest an der verloren gegangenen Beziehung, wenn er feststellt: „Er mag mich. Er hat vor mir geweint. Biff liebt mich“.

Die Gegenfiguren zu Willis hoffnungsloser Situation bilden sein durch Diamantengeschäfte reich gewordener Bruder Ben und der erfolgreiche Nachbar Charly. Uwe Rohbeck wechselt mühelos zwischen Charley, Onkel Ben und Stanley die Rollen, taucht mal auf der Bühne als reeller Mensch und mal im Geist von Willi als Traumfigur im hinteren Bühnenraum auf. Der Ebenenwechsel funktioniert, der Zuschauer folgt unweigerlich Willi in seinen trancehaften Wahnzustand.

Trotz der gut besetzten Nebenrollen wird das Stück vor allem von Beck in der Rolle des Handlungsreisenden getragen. Über eineinhalb Stunden hinweg verliert er nicht ein einziges Mal die emotionale Spannung seiner Figur, die rastlos in den Wahnsinn abgleitet. Selbst in Unterhosen und halb herabhängendem Hemd, gibt er „seinen Willi“ nicht der Lächerlichkeit preis. Einen gebrochenen Menschen in einem Körper mit großer Statur darzustellen, ist nicht einfach. Doch Beck gelingt es nicht nur hervorragend, vielmehr setzt er, wie schon bei „Das Fest“, sein ganzes Körpergewicht für die Rolle ein. Das Zarte im stattlichen Körper führt den unaufhaltsamen Weg von Willi Lomann ins Nichts doppelt unerbittlich vor Augen. „Seine Jungs“ und Ehefrau Linda bleiben am Ende alleine zurück. Willi war es schon lange Zeit zuvor.

Darsteller: Willy: Andreas Beck; Linda/Die Frau: Carolin Wirth; Biff: Peer Oscar Musinowski; Happy/Howard: Sebastian Graf; Onkel Ben/Charley/Stanley: Uwe Rohbeck

Inszenierung: Liesbeth Coltof; Bühne: Guus van Geffen; Kostüme: Carly Everaert; Licht: Sibylle Stuck; Dramaturgie: Dirk Baumann; Regieassistenz: Laura Nathalie Junghanns; Inspizienz: Tilla Wienand; Soufflage : Marie Helbing

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