Die Band Freiwild. Geisteswandel einer Band oder Mimikry?

Die Distanzierungsversuche der Band Freiwild sind nachvollziehbar. Der Vorwurf, nationalistisches Gedankengut in Songtexten zu verpacken, ist schlecht für das Geschäft – besser man ist Mainstream anstatt die kommerziell untaugliche Außenseiterrolle der “buckligen national Gesinnten“ aus Südtirol zu übernehmen. Dennoch sendet Frei.Wild deutliche nationalistische Botschaften – offenbar will man die Fans vom rechten Rand nicht vergräulen. Ein Beispiel dafür ist das Video „Halt deine Schnauze“ auf dem Freiwild You-Tube-Channel mit  über 2,6 Millionen Zugriffen, das mit Bildern, Andeutungen und Symbolen nicht nur spielt – sondern arbeitet: Ein Bilderalbum aus Südtirol.

Im Zusammenhang mit der Diskussion um das Frei.Wild-Konzert in den Westfalenhallen Dortmund wurden die Kritiker in altbekannter Weise als „Gutmenschen“ bezeichnet und die immer wieder gern zitierte „Nazikeule“ genannt. Ein alter Hut, an dem der angegraute Gamsbart schlapp herunterhängt. Sänger Philipp Burger rechtfertigt sich in einem Interview in den Ruhrnachrichten und sieht sich als Opfer falscher Unterstellungen – bei seiner Biografie etwas gewagt.

Die selbstmitleidige Darstellung Burgers, man „werde in die Ecke gedrängt“ weil man Texte in deutscher Sprache singt, ist falsch. Kritisiert wurde von den Grünen, den Jusos, Bündnis nazifrei und anderen Parteien wie der SPD, den Linken und der Bürgerliste nicht, wie von Burger behauptet, das Singen deutscher Texte. Das machen viele – und nach Burgers These müssten von Xavier Naidoo bis Silbermond alle unter Kritiker-Dauerbeschuss stehen. Das ist aber nicht der Fall. Denn bei Frei.Wild macht sich die Kritik an der Verwendung von kaum verschlüsselten Begriffen mit völkisch-nationalistischer Konnotation fest. Kaum möglich, bei den Texten nur an modern-alpine Heimatmusik und südtiroler Gemütlichkeit zu denken.

Immer wieder rudert Burger verbal zurück – doch der Eindruck liegt nahe, dass es für Frei.wild allein um ein bisschen Fassadenpflege geht. Er gibt nette Interviews in der lokalen Presse, bei dem Konzert in Dortmund wird ein Banner „Gemeinsam gegen Rassismus“ aufgehängt und die Band skandiert„Wir sind gegen Extremismus“. Sicher ist das leichter, als sich in der Diskussion um Anspielungen und nationalistische Subtexte zu rechtfertigen. Aber macht allein das Rufen „Keine Nazis!“ gegen jeden Vorwurf immun?

Nachdem sich zahlreiche rechtsgesinnte Kommentatoren in die Forendiskussionen einschalteten und der nach Auskunft des Verfassungsschutzes Pro NRW nahestehende  Blog „freiheitlich leben und bloggen“ sich aufgeschwungen hat, Frei.Wild zu verteidigen, kam einem schnell der Gedanke, dass man doch eigentlich ganz gerne ein Idiot „aus dem Land der Vollidioten“ ist.

Anders als Bandleader Burger es gerne suggerieren möchte, geht es den Kritikern nicht darum, dem Publikum kollektiv eine rechte Gesinnung zu unterstellen. Die Behauptung der Band gegenüber den Fans beim Dortmunder Konzert „die würden jeden von Euch an den Pranger stellen“ ist Unsinn und soll nur die Opferrolle der vermeintlich unerschütterlichen Alm-Rebellen weiter heroisieren.

Eine noch deutlichere Sprache als die Texte sprechen die Bilder des Videos „Halt die Schnauze“, das Frei.Wild auf seinem offiziellen You-Tube Channel veröffentlicht hat.: Da tritt jemand mit dem Fuß in Richtung Kopf einer hilflos am Boden liegende Person – das erinnert an sehr reelle Vergleichsbilder gewalttätiger Rechter, die zum Beispiel DGBler oder in der Dortmunder Hirsch-Q anders denkende Jugendliche zusammenschlagen.

Dennoch rechtfertigt Burger sich damit, dass „nahezu jede Volksmusik-Kapelle“ über Heimat singt. Aber ist es glaubwürdig, dass dies nur ein Video von ein paar harmloser Südtiroler Bergburschen ist, die Rockmusik machen und ihre Hoamat recht gluenig gern hon?

Den Heimatbegriff der Volksmusik zu entleihen und sich ans zünftige Alpenglühn & Edelweiß-Idyll anzubiedern, ist ein schwacher Versuch  – gibt es Musikvideos, in denen die Kastelruther Spatzn einen anderen zusammentreten?

Eindeutiger wird es noch bei dem Bild im Video, das einen rasierten Hinterkopf zeigt, auf dem ein 100%-Tatoo zu sehen ist. Dieser Zahlencode bedeutet „100 % arisch“. Burger sagt: „In erster Linie aber verabscheuen wir jegliche Form von Extremismus.“ Vielleicht ist also die Frage gar nicht ob Frei.Wild mit rechtsextremen Symbolen und Anspielungen spielt, sondern vielmehr, wo für Burger denn der Extremismus überhaupt anfängt. Bei 100 % arisch offenbar noch nicht.

Unsere Gastautorin Ulrike Märkel ist Mitglied der Grünen und des Dortmunder Rates.

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