NSU: Trotz Corelli-Bericht des Sonderermittlers Jerzy Montag sind Fragen zum Tod des V-Mannes offen

Thomas Richter, alias Corelli 2012 in Magdeburg; Foto: Roland Geisheimer; attenzione photographers

V-Mann Corelli 2012 in Magdeburg; Foto: Roland Geisheimer; attenzione photographers

Gestern Nachmittag berichtete Sonderermittler Jerzy Montag bis in den Abend hinein dem Parlamentarischen Kontrollgremium über seine Erkenntnisse zum V-Mann Corelli. Im September 2014 hatte der Bundestag mehrheitlich im Fall des Top-Spitzels den Einsatz eines Sonderermittlers beschlossen. Der 300 Seiten starke Bericht liegt seit gestern vor und soll Transparenz schaffen. Das Interesse an Corelli, der in der Szene unter dem Spitznamen HJ Tommi bekannt war, ist berechtigterweise groß. 2012 fand man in den Archiven des Bundesverfassungsschutzes eine DVD mit der Aufschrift NSU – ein erster Hinweis auf das Mordtrio, den der V-Mann bereits 2005 an den Verfassungsschutz übergeben haben soll. In den beiden darauf folgenden Jahren ermordete der NSU noch vier weitere Opfer, darunter der Dortmunder Kioskbesitzer Mehmet Kubasik.

Der V-Mann, bürgerlich Thomas Richter, hätte zur Aufklärung der Hintergründe der NSU-Morde einiges beitragen können – davon sind viele überzeugt. Doch verstarb er am 7. April 2014 mit 39 Jahren. Der Todeszeitpunkt warf Fragen auf: Corelli erlag ausgerechnet wenige Tage vor seiner Vernehmung einem „diabetischen Schock“– ein natürlicher Tod, so das Ergebnis der Obduktion. Diesen Schluss lässt auch der Montag-Bericht zu.

Die weiteren Fakten sollen heute den Hauptstadtjournalisten in einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt werden. Werden sie nur mit Häppchen-Wahrheiten und leicht verdaulichen Schlagworten abgespeist, kann man davon ausgehen, dass das Interesse an Corelli nicht nachlassen wird. Dann würde der Fall Thomas Richter nicht ohne weiteres für immer zwischen zwei Aktendeckeln verschwinden. Auch wenn sich das einige vermutlich wünschen.

Lockere Kontakte oder gut funktionierendes Netzwerk?

Die Frage, ob Corelli vor oder während seiner 12-jährigen Arbeit für den Verfassungsschutz direkten oder zumindest indirekten Kontakt zu dem mörderischen Trio hatte, wurde in der gestrigen Sitzung nicht zufriedenstellend geklärt, war aus dem Umfeld des PKG zu hören. Der Interpretationsspielraum zwischen „lockerer Kontakt“ und Netzwerk ist groß und bietet weiter Raum für Spekulationen. Fest steht, das Corelli bis Mitte November 1993 im engeren Kreis der verbotenen „Nationalistischen Front (NF) tätig war. Mit 19 Jahren entschied der junge Thomas Richter, sich von der NF zu trennen („ich habe genug“) und bot an, Interna der rechtsradikalen Szene weiterzugeben. Er verriet, laut vertraulichen VS-Bericht, seine NF-Kollegen und berichtete der Polizei über die geheimen Lagerorte des rechtsradikalen Verlages „Klartext“. Danach tauchte er erst einmal ab „z.Zt. unbekannten Aufenthalts“, notiert der Verfassungsschutz. Es war der Beginn einer langjährigen Spitzel-Karriere – die Corelli bis September 2012 fortsetzte.

Corelli und der Weisse Wolff

Für Aufregung sorgte, dass 2012 zufällig eine DVD auftauchte, die Corelli bereits im Jahr 2006 an den Verfassungsschutz weitergegeben haben soll. Der Fund von 15000 Datensätzen wurde nicht ausgewertet – eine DVD war mit “NSDAP/NSU”beschriftet. Seit diesem Zufalls-Fund steht der V-Mann Corelli im Fokus.

Website Weisser Wolf mit Kommentar von HJ TOMMY

Website Weisser Wolf mit Kommentar von HJ TOMMY, Screenshot Ulrike Märkel

Auch die Verbindung von Corelli zu dem Magazin Der Weisse Wolf bleibt interessant. Das rechte Magazin schrieb in dem Heft 1/2002, das auf dem Cover Hitler als Kind zeigt, den Satz: „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter…“. Der V-Mann soll dem Weissen Wolf Webspace zur Verfügung gestellt haben. In der Kommentarzeile auf der Website des Magazins, die die Ausgabe mit dem NSU-Hinweis bewirbt, lobt Corelli seine Kollegen. Unter seinem Pseudonym HJTHOMMY heisst es: „Kamerad! Sehr gute Seite! Mit Nationalen Gruß.“

Der Bericht von Jerzy Montag klärt nicht nur auf, sondern wirft auch weitere Fragen auf

Die Mitgliedern des PKG, die sich Zurückhaltung bei der öffentlichen Bewertung des Montag-Berichtes verordnet haben, könnten möglicherweise Antworten nachfordern. Offene Fragen könnten zudem Argumente liefern, um einen zweiten NSU-Untersuchungsausschuss auf Bundesebene einzusetzen. Diese Perspektive könnte sich vor allem lohnen, wenn man die Rolle der V-Leute noch einmal unter die Lupe nehmen will.

Neben den mindestens 19 namentlich bekannten V-Leuten, die im möglichen Zusammenhang mit dem NSU stehen, interessierten sich die Parlamentarier für die Strukturen und Handlungen der V-Mann-Führer. Das Interesse teilen die Abgeordneten mit den Anwälten der Nebenkläger im Münchener Prozess. Zusätzlich zum V-Mann Thomas D., der gerade im Münchner Prozess auftrat, beantragten die Nebenklagevertreter auch seine V-Mann-Führer zu befragen.

Thüringer Heimatschutz (THS), Screenshot: Ulrike Märkel

Thüringer Heimatschutz (THS), Screenshot: Ulrike Märkel

Die Frage bleibt, ob Thomas Richter wirklich die Seite wechselte und ob sein persönliches „Hilfe – holt mich hier raus“ – Erlebnis tatsächlich einen Gesinnungswechsel nach sich zog. Das er ohne eine, in der Szene als „Anquatschversuch“ bezeichnete Anwerbung durch den Verfassungschutz sich selbst als Informant andiente, ist zumindest zu dem Zeitpunkt Anfang der Neunziger Jahre erstaunlich. Corelli war damals mit rechten Szenegrößen freundschaftlich verbunden. Noch kurz vor dem „Gesinnungswechsel“ feierte Corelli u.a. mit dem Döner-Killer-Lied Sänger Daniel Giese (Gigi und Die Braunen Stadtmusikanten) und Bloud & Honour Mitglied Jan Werner, eine Party. Jan Werner hatte nach Angaben des Brandenburgischen Verfassungsschutz und dem Bericht des V-Manns Piatto (Carsten S.) versucht, Waffen für das NSU-Trio zu besorgen.

Verwunderlich ist, dass es den Aussteiger Thomas R. nach dem Ende seiner V-Mann Tätigkeit trotz Kontakten zum gewalttätigen Rechtsextremismus ausgerechnet in die Nähe seiner rechtsextremistischen Vergangenheit zog, wo ihm seine Ex-Kameraden ohne Problem über den Weg laufen konnten. Paderborn – Herford – Detmold – Bielefeld, die Orte, an denen Corelli aufgetaucht war, liegen im idyllischen Ostwestfalen-Lippe eng zusammen.

Corellis Tätigkeit im „Weltnetz“ und andere Vernetzungs-Aktivitäten

Thomas Richters Internetplattform OIKRACH ging 1998 mit den Worte an’s Netz: „Willkommen Auf der Geschichtlichen Seite von HJTOMMY. Wenn du noch nicht über 18 Jahre sein solltest dann verlasse diese Seite.“

Website Oikrach 1998, Screenshot Ulrike Märkel

Website Oikrach 1998, Screenshot Ulrike Märkel

Später zeigt Corelli auf seiner Website kitschig-germanophilen Bilder und verlinkt fleissig in die gewalttätige rechtsradikale Szene. Neben der Website „Nationale gegen Kinderschänder“ und „Unser Aktionshaus“ betreibt Corelli auch eine Seite, auf der in der Bildergalerie unter anderem Fotos der Kranzniederlegung des Thüringer Heimatschutzes „für den lieben Kameraden“ am Rudolf-Hess-Gedenktag 2002 zeigen.

Bild aus Bildergalerie einer Website Corellis, Screenshot Ulrike Märkel

Bild aus Bildergalerie einer Website Corellis, Screenshot Ulrike Märkel

2005 stellte sich laut vorliegenden Unterlagen Thomas Richter als Fahrer zur Verfügung, um das Schulhof-CD Projekt „Anpassung ist Feigheit – Lieder aus dem Untergrund“ zu unterstützen. Dabei taucht der Name „GERLACH“ auf. Thomas Gerlach war ein wichtiger Aktivist der Thüringer Freien Kameradschaftsszene, soll aktiv im „Thüringer Heimatschutz“ gewesen sein und zu Ralf Wohlleben Kontakt gehabt haben. Corelli und er wurden gemeinsam von dem NPD-Kader Dr. Arnulf Möller zu einem Treffen in die Schweiz eingeladen.

Und auch auf einer als „Telefonliste des Braunen Hauses“ bezeichneten Kontaktsammlung tauchen Thomas Gerlach und Thomas Richter gemeinsam auf. Das Braune Haus in Jena wurde vom NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben mit organisiert.

Website des braunen Haus in Jena, Screenshot Ulrike Märkel

Das braune Haus in Jena, Screenshot Ulrike Märkel

Auf der Newsseite des rechten CD-Vertriebs „Victor Publications“ erscheint im selben Jahr ein interessanter Kommentar: „Thomas Richter aus Halle (…) wurde bereits Mitte der 90er Jahre als V-Mann enttarnt. Damals wohnte er in Niedersachsen und hat als NF-Mitglied den damaligen Vorsitzenden Schönborn mit seinen Aussagen in Haft gebracht “ schreiben die Musikvertreiber.

Doch ungeachtet diesen Vorwurfs wird im Dezember 2005 ein Krisengespräch von Dr. Arno M. mit Thomas Richter und anderen Rechtsexremisten einberufen. In dem Jahr hatte es laut VS-Akte Streit unter den Nazi-Kameraden gegeben. Nun plant man gemeinsam einen „Inneren Kreis“ zu gründen – aus einem „elitären Personenkreis“ ohne „Dumme oder nur schwer führbare Kameraden“ zu gründen. Darunter ist auch „der kleinen Tino“. Die Namensgleichheit mit dem Thüringer V-Mann und NSU-Helfer Tino Brandt ist nicht zu übersehen.

Corelli war nicht nur mit seinem Musikvertrieb und mehreren einschlägig bekannten Websites gut vernetzt in der Rechten Szene. Neben Kameradschaftstreffen in Deutschland war er auch international unterwegs: Allein zwischen 2000 und 2001 reiste er zu einer Sonnwendfeier nach Österreich, nahm an dem Rechten Treffen 74. Ijzerbedevaart in Belgien teil und besuchte ein Ian-Stuart-Gedächtniskonzert in London, wie der Verfassungsschutz ordentlich protokollierte.

Im Juli 2008 kündigt er an, dass Freya88, Templers Reich und Oikrach nun als gemeinsame Online-Plattform „Combat – Germania“ im Netz fusionieren werden. Combat heisst Kampf.

Beeinflusste der Verfassungsschutz die Ermittlungen der Polizei?

Eine weitere Sache könnte die Parlamentarier noch länger beschäftigen. In dem Bericht von Jerzy Montag gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass in den 90er Jahren auf laufende BKA-Ermittlungen gegen Thomas Richter durch Verfassungsschützer Einfluss genommen wurde. Lassen sich diese Vorwürfe mit weiteren Belegen oder Vermerken erhärten, wäre dies ein gravierender Vorwurf an den Verfassungsschutz, dem man nachgehen muss. Und könnte die Fragestellung aufwerfen, ob dies ein Einzelfall war.

Sonderbar erscheint auch weiterhin, dass Verfassungsschützer ausgerechnet um den Todestag herum vor Ort waren, um sich persönlich vor Ort nach dem Wohlergehen des V-Mannes zu erkundigen. Die Auswertung der Funkzellenüberwachung im Umfeld von Corellis Wohnung, die durch die Staatsanwaltschaft Paderborn angeordnet worden war, wäre daher durchaus interessant.

Darüber, dass man möglichst viel aus dem Bericht zu Corelli veröffentlichen wolle, herrschte beim Einsetzen des Sonderermittlers weitestgehend Einvernehmen bei den Abgeordneten. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit wäre für die Veröffentlichung der gesammelten Erkenntnisse von Jerzy Montag notwendig – sie würde der Demokratie gut zu Gesicht stehen.

Dank für das Foto von Corelli an Roland Geisheimer www.attenzione-photo.com

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