Syrisches Protestcamp – Flucht vor dem Bürgerkrieg

Studentin Yara im Protestcamp, Foto: Ulrike Märkel 2015

Studentin Yara im Protestcamp, Foto: Ulrike Märkel 2015

Seit drei Wochen protestieren syrische Flüchtlinge in einem Protest-Camp in Dortmund für ihr Recht auf Asyl. Lange Fluchtwege liegen hinter ihnen, ihre Familien mussten sie zurücklassen. Der Schriftzug auf einem der Protest-Banner zeigt, dass es für sie um Leben und Tod geht: „Bitte helfen Sie unsere Familien, vor dem Tod zu retten!“ Doch für manche der Kriegsflüchtlinge kommt trotz der lauten Hilferufe jede Unterstützung zu spät. Die Syrer in dem mit Pavillons und Zeltplanen notdürftig improvisierten Camp, haben in der letzten Woche die ersten Todes-Nachrichten von ihren Angehörigen erhalten. Nun richten sie sich in einem Aufruf an die Bundesregierung.

Bei heftigen Unwetter, in nasskalten Nächten und dann wieder fast unerträglicher Sommerhitze harren die Flüchtlinge langmütig gegenüber dem Hauptbahnhof aus. Tagsüber herrscht bei dem Camp reger Betrieb. Viele der sonst eilig vorbeieilenden Passanten sind neugierig und suchen das Gespräch mit den Protestierenden. Abends wird an einer langen Tafel am Boden sitzend gemeinsam das Fasten gebrochen. Die Männer essen meist schweigend – nach einem Tag ohne Essen ist der Hunger groß. An diesem Abend wurde in einer marokkanischen Moschee ein syrisches Lammgericht in saurer Jogurtsosse zubereitet. Bani freut sich und lädt die Umstehenden dazu ein, mitzuessen. Die sprichwörtliche arabische Gastfreundschaft gilt auch hier, auf dem Asphalt der Fußgängerzone.

Die Syrer sind offen und freundlich. Manchmal könnte man fast vergessen, wie ernst die Lage ist. Die meisten der syrischen Flüchtlinge sind Familienväter und kämpfen für ein Bleiberecht. Auf den Bannern und Protestplakaten steht. „Unsere Familien sind vom Tod bedroht“ Und „Wir brauchen schnell Termine bei den Behörden“. Gemeint ist ein Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Hier beantragen die Kriegsflüchtlinge Asyl und hoffen auf die Chance, dann ihre Familien aus den Kriegsgebieten holen zu können.

Bani erfährt über facebook von dem Tod seiner Verwandten

Bani zeigt auf sein Handy: „Hier, das habe ich gestern zugeschickt bekommen“. Zu sehen ist ein Film mit den Bildern eines völlig zerstörten Hauses, daneben ein tiefer Bombenkrater. „Du siehst hier meine Straße“ sagt Bani und scrollt weiter nach unten. Es sind Bilder von toten Kindern zu sehen und in einem Schutthaufen die Leiche eines Mannes. Sein Gesicht ist von blutigen Wunden übersät – Verletzungen durch die Bombensplitter. „Das ist mein Onkel.“

Bani starrt ins Leere. Wie die Flüchtlinge die Horror-Nachrichten aus der Heimat verkraften können, weit weg und ohne Möglichkeit der zurückgebliebenen Familie helfen zu können? „Wir halten hier zusammen und haben alle dasselbe Problem. Das macht uns stark“, sagt er. Für die Kommunikation mit den Verwandten und Freunden nutzt er die sozialen Medien – auch wenn häufig der Internetkontakt nach Syrien abbricht. Auf der facebook-Seite des Camps schreibt er: „Asyl ist ein Recht, kein Geschenk“.

Samer kommt aus der vom IS umkämpften Stadt Kobanê

Der 37-jährige hat drei Kinder und verliess Syrien Ende 2014, als die Einheiten der Terrormilizen seine Heimatstadt angriffen. In diesen Tagen erfuhr er, dass sein Vater dort umgekommen ist.

Samer war in Syrien Mitarbeiter einer humanitären Organisation, der „Regionalen Menschenrechtskonferenz“. Er arbeitete im Untergrund, um notleidende Menschen medizinisch zu versorgen. Als politischer Aktivist wurde er sowohl von den IS-Kämpfern, als auch vom Assad-Regime bedroht. Eine ausweglose Situation – er musste fliehen.

Samer im Protestcamp, Foto: Ulrike Märkel 2015

Samer im Camp, Foto: Ulrike Märkel 2015

Seine Flucht über die Türkei und Italien bis nach Deutschland dauerte über 4 Wochen. 7000 Dollar musste er den Schleppern für die Überfahrt in fünf verschiedenen Flüchtlingsbooten bezahlen. Es gab kaum zu Essen und zu Trinken, berichtet er. Viele warnten ihn vorher: „Dieses ‚Ticket‘ bringt Dir nur den Tod.“ Doch er schaffte die riskante Überfahrt. Als er in Italien ankam, nahm ihn die Polizei in der Hafenstadt sofort fest. „Wir wurden geschlagen und mit Stromstössen verletzt – viele wurden ohnmächtig. Nach zwei Stunden durften sie gehen“ berichtet er. Die italienischen Polizei sagte dann: „Nun seid ihr frei zu gehen, wohin ihr wollt.“ Einer der Polizisten empfahl den Syrern, nach Deutschland weiter zu ziehen. Hauptsache weg aus Italien.

Die Situation in den türkischen Lagern, in denen er seine Frau und seine Söhne zurücklassen musste, ist bedrückend. In den Zeltstädten sind die Flüchtlinge weder vor Kälte, noch vor der prallen Sonne geschützt. Die Versorgungslage ist schlecht. Er wünscht sich nur, dass seine Kinder nicht länger dafür bezahlen müssen, dass er sich in seiner Heimat für andere eingesetzt hat. Doch seit seiner Ankunft in Euopa ist Samer schockiert: „Ich dachte immer, dass hier Menschenrechte gelten.“

Adnan – eine illegale Existenz in Ungarn

Auch Adnan ist ernüchtert. Seine Familie lebt inmitten der syrischen Kriegsgebiete, die Kinder sind zwischen 3 und 6 Jahre alt. Obwohl der 34 Jährige ein sehr gut ausgebildeter Krankenpfleger ist und Pflegekräfte in Deutschland händeringend gesucht werden, fürchtet er, bald abgeschoben zu werden.

Adnans Kinder, Foto: Ulrike Märkel 2015

Adnans Kinder, Foto: Ulrike Märkel 2015

Adnan arbeitete in Damaskus am Universitäts-Krankenhaus und rettete Schwerverletzten das Leben. Doch als er von Assads Getreuen persönlich bedroht wird, macht er sich 2013 von seinem Heimatdorf bei Adlip ohne Papiere auf den Weg in die Türkei. Nach zwei Jahren als „Illegaler“ flieht er weiter nach Ungarn. Als er dort aufgegriffen wird, bringt man ihn ins Gefängnis. „Dort bekamen wir Flüchtlinge so lange kein Essen, bis wir bereit waren, unsere Fingerabdrücke ‚freiwillig‘ abzugeben“.

Schon bald könnte er im Dublin III Verfahren in das „sichere“ Drittland Ungarn abgeschoben werden. Hoffnung auf eine Zusammenführung mit seiner Familie gibt es dort nicht. „Meine Gedanken kreisen immer um meine Frau und meine Kinder“ sagt er. „Ich habe große Angst um sie“. Er zeigt auf ein Foto auf seinem Mobiltelefon. Die Drei blicken freundlich in die Kamera, ein grüner Ball liegt vor ihnen. Damals war ihre Welt noch nicht aus den Fugen geraten.

Yara träumt von einem Studienplatz – ihre Eltern hat sie seit Monaten nicht gesehen

Auch die Studentin Yara besucht regelmäßig das Protestcamp. Sie kommt aus der Hochburg des Widerstandes, der Stadt Aleppo. Die Mutter vertrat dort seit 2011 als Rechtsanwältin Assad-Gegner, ihr Vater gab von zu Hause aus heimlich eine regimekritische Zeitung heraus. Als die ISIS-Kämpfer 2012 auch in Aleppo einmarschierten, floh die Familie in die Türkei. Yara hatte gerade ihr Abitur gemacht, doch bekam sie dort keinen Studienplatz – das notwendige „Vitamin B“ fehlte ihr.

Sie träumt nun von einem Studienplatz in Deutschland. Ihr Touristenvisum muss vierteljährlich verlängert werden. Die Behörden schicken sie jedoch immer wieder weg. „Sie sagen jedes Mal, dies fehlt aber und das Papier muss noch gebracht werden“, erzählt Yara über die Behörden-Schikanen. Ihre Abitur-Noten sind so gut, dass sie ohne ein Vorbereitungsjahr direkt mit ihrem Studium beginnen könnte.

Sie möchte gerne Ingenieurin werden oder Journalistin, wie ihr Vater. Der Vater arbeitet heute wieder in seinem Beruf bei einer oppositionellen Zeitung und einer Radiostation, die mit verstärkten Lang-Wellen in die syrische Heimat sendet. Es sind Nachrichten aus der Freiheit, die die Zurückgebliebenen über Assads Taten und die IS-Kämpfe aufklären sollen. Die 20-jährige vermisst ihre Eltern sehr. Doch gibt es kaum eine Chance, dass sie ihre Tochter in Deutschland besuchen können. Syrer erhalten selten ein Reisevisum. Ihnen wird unterstellt, dass sie „nur“ nach Deutschland kommen wollen, um Asyl zu beantragen.

Politische Kamingespräche zur Situation der Flüchtlinge im Protestcamp

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger besuchte im Juni das Protestcamp, um sich ein eigenes Bild von der Situation zu machen. Im Anschluss sprach er von „Menschen mit einer guten Bleibeperspektive“. Eine bis zu hundertprozentige Chance sieht das Innenministerium für die Kriegsflüchtlinge. Minister Jäger macht sich auch aus diesem Grund dafür stark, dass die Bearbeitung der Asylanträge innerhalb einer 3-Monatsfrist passiert. Bei der Frühjahrskonferenz der Minister Ende Juni in Mainz, berichtete Ralf Jäger am so genannten „Kamin“, bei dem die Innenminister und der Bundesinnenminister vertrauliche Gespräch führen, über seine persönlichen Eindrücke des Dortmunder Protest-Camps.

Die Syrer hoffen, dass ihr Aufruf an die Bundesregierung ihnen und ihren Familien helfen wird. Sie überlegen, mit ihren Forderungen nach Berlin zu fahren, um CDU-Innenminister Thomas de Mazière persönlich auf ihre Notlage aufmerksam zu machen, erzählt der Camp-Organisator Saker Almohamad. Über die Syrer, die seit Wochen verzweifelt um die Rettung ihrer Familien bitten, hat der Bundesminister bei den Mainzer Kamingesprächen bereits alles Notwendige gehört. Nun muss er nur noch handeln.

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