Zug der Hoffnung: Flüchtlinge werden willkommen geheissen

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Tausenden von Flüchtlingen kommen in diesen Wochen in Deutschland an. Die Medien sprechen von einer „Flüchtlingskrise“ und loben die große Hilfsbereitschaft der Menschen, die der Welt das Gesicht des „freundlichen Deutschen“ zeigen. Die Ankunft  tausender Flüchtlinge, die vollkommen erschöpft und dennoch glücklich in Deutschland ankommen,  lässt kaum jemanden unberührt. An einem Sonntag im September kommen im Laufe des Tages in mehren Zügen über 3.000 Flüchtlinge am Dortmunder Hauptbahnhof an. Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) empfängt die Flüchtlinge persönlich am Bahnsteig. Er will mit dieser Geste Solidarität  zeigen – auch weil es in Dortmund Gewaltaufrufe gegen Flüchtlinge durch Rechtsextremisten gab und Unbekannte eine Asylbewerberunterkunft anzündeten.

Diese Ereignisse haben noch mehr Menschen dazu bewegt, Willkommenskultur zu zeigen. Hunderte Dortmunderinnen und Dortmunder sind zum Bahnhof gekommen, um die Flüchtlinge am Bahnhof mit lautem Applaus und selbst gemalten „Refugees welcome“ und „Herzlich willkommen!“ Schildern zu begrüßen. Die Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Libyen tragen Tüten. Koffer und Beutel. Es ist alles, was sie aus ihrer Heimat mitnehmen konnten. Die Kinder sind müde, fast im Halbschlaf laufen sie an der Habend neben ihren Eltern her. Sie blicken kurz hoch, als die Menschen laut applaudieren, um zu zeigen, dass die Neuankömmlinge willkommen sind.

ZugDerHoffnung19Eine Welle der Hilfsbereitschaft sorgt dafür, dass große Mengen Kleidung, Lebensmittel und warme Decken verteilt werden können. Die Flüchtlinge, die von Ungarn über Wien und München gekommen sind, werden in ein nah am Bahnhof gelegene Kulturzentrum gebracht. Ehrenamtliche Helfer versorgen hier die Neuankömmlinge rund um die Uhr mit dem Notwendigsten und geben Essen und  Getränke an die übermüdeten Flüchtlinge aus.

In langen Menschenketten werden die Bündel mit Nahrungsmitteln, Decken und Kinderkleidung weitergereicht. Eine große logistische Herausforderung: Über 1000 Menschen müssen gleichzeitig versorgt werden, der Hunger ist nach der langen Reise groß. Viele haben in Ungarn nicht ausreichend Essen bekommen. „Wir bekamen Abends nur einen Toast mit einer Scheibe Käse“, sagt eine Frau aus Afghanistan, die dicht gedrängt mit den anderen Flüchtlingen an der Getränkeausgabe ansteht. Auf ihrem Pappteller liegen belegte Brötchen und drei Bananen für die Kinder. Eine Helferin verteilt an die wartenden Kinder Überraschungseier und Schokoriegel –  seit heute morgen um fünf ist sie im Einsatz. „Ich kann das alles noch gar nicht fassen.“ sagt sie. Ein Mann zeigt auf das Kleinkind in seinem Arm und eine leere Babyflasche. Sie nimmt ihn am Arm und eilt davon.

ZugDerHoffnung18Dolmetscher in Türkisch, Arabisch, Urdu und vielen anderen Sprachen helfen bei der Verständigung. Neben syrischen Flüchtlingen kommen die meisten der Menschen aus Pakistan und Afghanistan, sagte der Leiter der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) in  Dortmund, Murat Siviri. Er ist von der großen Hilfsbereitschaft begeistert: „Wir stehen hier zwar vor einer Mammutaufgabe – aber wir bewältigen sie. Das liegt auch daran, dass neben den Hauptamtlichen so viele freiwillige Helfer hier sind.“

Eine von ihnen ist Serafine. Sie hat auf dem Kurznachrichtendienst Twitter den Hashtag #trainofhopedo verfolgt und spontan entschieden zu helfen. „Für mich ist das eine Selbstverständlichkeit. Wir sind selbst einmal Flüchtlinge gewesen. Es ist doch unsere Pflicht hier zu sein“ sagt die 32 jährige und reicht einer  syrischen Frau ein Windelpaket. Sie betreut schon die ganze Nacht den Raum, in dem die Ankömmlinge ihre Babies und Kleinkinder versorgen können. Neben Creme, Windeln und Puder verteilt sie jede Menge Herzlichkeit.

ZugDerHoffnung1Als ein Helfer mit SIM-Karten in die Halle kommt, ist der Andrang groß. Für die Flüchtlinge ist das Mobiltelefon oft die einzige Verbindung zur Heimat. Heute können sie den zurückgebliebenen Angehörigen sagen, dass sie die riskante Überfahrt in überfüllten Flüchtlingsbooten über das Mittelmeer überlebt haben und gut in Deutschland angekommen sind.

Eine junge syrische Frau weint. Neben ihr sitzt die Schülerin Zahira und tröstet sie. Und übersetzt dem Notfall-Psychologen die Fluchtgeschichte der jungen Frau, die vor zwölf Tagen in einem Schlauchboot begann und heute in der großen Halle ihr glückliches Ende gefunden hat. Als die Frau von den Umständen in Ungarn erzählt, bricht sie wieder in Tränen aus. 9 Tage musste sie im Gefängnis verbringen, bis man sie ohne Erklärung gehen liess. Auf arabisch wird über Lautsprecher der nächste Bus angekündigt. Schnell packt die Syrerin ihre Nichte an der einen Hand und die zwei Plastiktüten in der anderen und läuft Richtung Ausgang. Dort wartet bereits der Bus, der sie in ihre Unterkunft bringen soll.

ZugDerHoffnung15Für mehr als kurz Atem holen, eine schnelle Mahlzeit und das eilige Zusammensuchen von ein paar Kleidungstücken ist keine Zeit. Die Flüchtlinge werden zu den Bussen gelotst und dann auf die verschiedenen Unterkünfte in ganz NRW verteilt. Der nächste Zug mit den nächsten 700 Flüchtlingen steht schon im Bahnhof.

Die Dortmunder haben die große Herausforderung gemeistert und mit viel Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit gezeigt, was Willkommenskultur ist. Das lässt die 30 rechtsextremen Demonstranten, die in der Nacht gegen Asyl protestierten, fast vergessen. Das nordrhein-westfälische Innenministerium rechnet auch in den nächsten Tagen mit hunderten Flüchtlingen, die von Dortmund und Düsseldorf auf die Unterkünfte  verteilt werden. Zahira will mit ihrer Freundin auch morgen wieder hier sein und den Neuankömmlingen helfen.