Kein Held nirgends – „Gilgamesh“ eröffnet Spielzeit am Schauspielhaus Düsseldorf

Gilgamesh; Foto: Thomas Rabsch Schauspielhaus Düsseldorf

Gilgamesh (Christian Erdmann); Foto: Thomas Rabsch Schauspielhaus Düsseldorf

Nicht auf einer Bühne, sondern in einer sandgefüllten Manege am Interims-Spielort auf dem Corneliusplatz an der Düsseldorfer Kö inszeniert der zum Spielzeitbeginn von Bochum nach Düsseldorf gewechselte Regisseur Roger Vontobel das alte Epos Gilgamesh. Die älteste überlieferte Sage der Welt wurde vor 5000 Jahren auf Tontafeln in Keilschrift niedergeschrieben. Kann das auf der Bühne des 21. Jahrhundert funktionieren?

Der unbarmherzige König meint es nicht gut mit seinem Volk, das zwischen Euphrat und Tigris lebt. Dort wo in unserer Zeit moderne Diktatoren wie Assad herrschen und der IS seine Herrschaftsgebiete immer weiter ausdehnt, ist das Reich von Gilgamesh mit der Hauptstadt Uruk. Sie ist mit einer gigantischen Mauer umschlossen und die Bauwerke sind Ausdruck der königlichen Macht. Der König möchte ruhmvoll in die Geschichte eingehen. „Seine Herrschsucht macht ihn zu Tyrann!“ sagt seine Mutter.

Die Untertanen des Herrschers Gilgamesh bewegen sich im harten Rhythmus der Hip Hop-Beats, winden sich, springen hoch, werfen die Arme nach oben. Frauen dienen der Lust, die Huren sollen ihre Scham öffnen. Ungezähmt sind sie, wild paaren sie sich, kämpfen, schlagen Saltos und kriechen dann auf allen Vieren über den Sandboden, ringen miteinander – schlammverschmiert, wühlen eine Grube in den Sand. Trinken durstig wie wilde Tiere aus dem Wasserloch inmitten der Wüste. Und schütten das Loch wieder zu. Der Bau der Stadt, mit der sich der König unsterblich machen will ist eine Sisyphosarbeit.

Gilgamesh ruft, trotz aller Mahnungen, zum Kampf gegen die Götter auf. Dem Herrscher wird der Wilde Enkidu von den Göttern zur Seite gestellt, um ihn zu zügeln. Er zählt zu den stärksten Männern, „Muskeln so hart wie ein Stein, der vom Himmel gefallen ist.“ Die Mutter des Königs fordert Enkidu auf, ihrem Sohn in den Kampf zu folgen „ich vertraue ihn dir an“. Doch der Wilde ist in der zivilisierten Welt verunsichert: „Ich wusste nicht was eine Stadt ist, ich war ausgestoßen, unsäglich allein.“ Einsam ist auch der König.

Die beiden machen sich auf den Weg. Auf der gemeinsamen Reise verliert Gilgamesh seinen seinen Mut und sein Selbstvertrauen. Er leidet unter Alpträumen und versucht seine Angst mit Angeber-Sprüchen (ein Pfeifen im Wald) zu verstecken. Der neue Gefährte weicht nicht von seiner Seite. Sie begegnen den Riesen Humbaba. Wie Smeagol in Herr der Ringe bittet dieser um Gnade und bietet im Gegenzug sein Reich an. Das Betteln hilft nicht, der Riese wird im Kampf besiegt, die zwei Abenteurer ziehen weiter.

Zwischen den Kampfgefährten und dem Herrscher entwickeln sich im Laufe der Reise zarte Bande – der kaltblütige König gewinnt an Einsicht und gesteht, dass er sich im Grunde genommen vor sich selber fürchtet. Durch seine Erkenntnis der Sterblichkeit der Menschen wird er menschlich, fast weich. Seine Hilflosigkeit öffnet für ihn das Tor zur Freundschaft mit Enkidu. Gilgamesh‘ Mutter, ein Glamour-Show-Girl im glitzernden Abendkleid hält Gilgamesh hingegen für ein Muttersöhnchen und kommentiert trocken die Eskapaden ihres Sprösslings: „Das sind Männer, die nicht wissen, was sie tun“. Als der Gefährte Enkidu stirbt, bricht für Gilgamesh alles zusammen. Verzweifelt versucht er die Götter mit Gold und Lapislazuli zu bestechen, doch die Götter sind grausam und nehmen ihn den geliebten Freund. Noch immer ist er voll Hybris, die seine Trauer bekämpfen soll. Er fordert ein Denkmal für seinen Freund „wie es noch niemals jemand für seinen Freund gebaut hat.“

Gilgamesh; Foto: Thomas Rabsch Schauspielhaus Düsseldorf

Gilgamesh; Foto: Thomas Rabsch Schauspielhaus Düsseldorf

Höher, schneller, weiter – am Ende versucht sich Gilgamesh an den alten Metaphern festzuhalten. Aber sie gelten nicht mehr, sind dem königlichen Macho keine Hilfe mehr gegen die innere Leere und die Angst vor dem eigenen Sterben. Eingehüllt in einen Kokon aus Plastik gibt er sich angesichts des toten Kameraden hemmungslos seinem Selbstmitleid hin, wünscht sich, gleichermaßen zu sterben und klagt: „Wohin soll ich mich denn wenden? Seid du tot bist, komme ich vom Tod nicht los. Du warst mir alles im Leben.“ Der Freund, Waffenbruder und Gefährte hat in Gilgamesh die Liebe erweckt. Seine Mutter hat dafür nur Verachtung über: „Nimm ein Bad, such dir eine Frau“. Nein, es gibt keine Helden, nur Menschen. Das haben die Götter mit der Entsendung des Enkidu gezeigt.

Winfried Schulz, neuer Intendant des Düsseldorfer Schauspielhaus, hat mit dem Eröffnungsstück eine gute Wahl getroffen. Die Band Murena-Murena bereichert das Stück und trifft mit Fadogesang und Klängen, die an Spiel mir das Lied vom Tod erinnern, den richtigen Ton – ohne sich aufzudrängen.  Hauptdarsteller Christian Erdmann schafft es, die sich widersprechenden Facetten der Figur des Gilgamesh überzeugend darzustellen und die Spannung bis zum Schluß zu halten: Der Großkotz, der brutale Herrscher, der Jammerlappen, der liebenden Freund, der trauernde Mann, der ängstliche Antiheld. Die doppelt besetzte Figur des Enkidu (André Kaczmarczyk und Takao Baba) ist ein Glücksfall – die explosive Kraft des Tanzes (Takao Baba) und das überzeugende Schauspiel (André Kaczmarczyk) bilden eine perfekte Synthese.

Bleibt die Antwort auf die Frage: Kann ein 5000 Jahre alter Epos heute als Theaterstück funktionieren? Ja, kann es. Als die Zeltwand zur Königsallee hin aufgerollt wird und Gilgamesh nach draußen wankt und die stehenbleibenden Passanten anruft, entsteht eine schöne Parabel. In den letzten 5000 Jahren haben sich die wesentlichen Themen Leben, Tod, Liebe und Macht ebensowenig verändert, wie die Frage, wie wir leben möchten. Und auch die Antwort ist unverändert: Wahre Größe entsteht durch Menschlichkeit.

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