Seniorengenossenschaft: Gemeinsam statt einsam leben

Neue Wohnkonzepte für Senioren sind sehr gefragt (Foto: RainerSturm / pixelio.de)

Bruno Rziha wohnt allein in einer 4-Zimmer Altbauwohnung in der Dortmunder Innenstadt. „Viel zu groß für mich!“ meint der 80-Jährige. Er will seine Wohnung verkaufen, doch „statt Immobilienhaien das Geld zu geben, investiere ich lieber in meine Zukunft – in ein altersgerechtes Wohnprojekt, das mir später Gemeinschaft bietet.“

Damit liegt er im Trend, denn immer mehr ältere Menschen suchen nach alternativen Lebensmodellen für das Rentenalter. Aufgrund der steigenden Nachfrage wird in den Kommunen zwar immer mehr barrierefreier Wohnraum für Seniorinnen und Senioren gebaut, doch die meisten Angebote bieten keine echte Teilhabe. Daher haben sich einige Dortmunder unter dem Motto „Gemeinschaftlich bauen und eigenständig leben“ zusammengetan, um selbst Bauherr zu werden. Für ihr Vorhaben schlossen sie sich in dem „Verein gemeinsam – nicht einsam“ zusammen. Er dient der Gründung einer Genossenschaft, die später die Baukosten des altersgerechten Wohnhauses trägt. Die Genossenschaftsanteile finanzieren die Vereinsmitglieder durch den Verkauf ihres Wohneigentums. Jedes Vereinsmitglied erwirbt durch entsprechende Genossenschaftsanteile den Anspruch auf eine barrierefreie Wohnung.

Das Wohnkonzept „Einer für alle – alle für einen“ hat den 72-Jährigen Peter Thanscheidt motiviert, sich in dem Verein zu engagieren. In seinem langjährigen Berufsleben als Bauleiter hat er genug Erfahrungen gesammelt, um die Projektplanung mit viel Sachverstand zu begleiten. Er selbst lebt in einer Eigentumswohnung im 2. Stock und kennt das Problem vieler älterer Menschen, Treppen zu steigen. Er sieht die genossenschaftliche Idee nicht nur ideell sondern auch pragmatisch: „Ältere Menschen müssen sich rechtzeitig um eine barrierefreie Wohnung kümmern. Doch bekommt man im Alter nicht ohne weiteres einen Bankkredit, um die eigene Wohnung barrierefrei umzubauen. Durch den Verkauf unserer Wohnungen und Häuser können wir das Kapital in unser eigenes Bauvorhaben investieren. Das macht uns von Kreditgebern unabhängig. Denn Bauträger wird die Genossenschaft.“

Im Gegensatz zu anderem Projekten können alle Mitstreiter von Anfang an ihre Ideen in die Planung einbringen und mitentscheiden, welches Grundstück erworben wird. Initiator Rziha hat seine Ideen zu Papier gebracht. Die Kernidee der Gemeinschaft findet sich in denn Plänen wieder: In der Mitte des Gebäudes soll ein überdachtes Atrium entstehen, auf das die Wohnungen zulaufen. Hier kann man sich, wie auf einem Marktplatz, ganz unkompliziert treffen. Ein Bistro bieten die Gelegenheit, sich zu verabreden, Gästezimmer stehen Besuchern zur Verfügung. Die Architektur spiegelt die Grundidee wieder, die Privatsphäre jedes Einzelnen zu respektieren und gleichzeitig Räume der Begegnung zu schaffen. „Unser Ziel ist, Alterseinsamkeit und Isolation zu verhindern und den Genossenschaftsmitgliedern zu ermöglichen, von Anfang bis zum Ende am selben Ort zu leben. Für viele ist die Vorstellung schlimm, noch einmal die gewohnte Umgebung verlassen zu müssen, um in ein Pflegeheim zu ziehen. Unser Konzept verhindert das“, sagt Rziha.

Sehr gefragt: Alternatives Wohnkonzept

Die Senioren-Genossenschaft trifft auf großes Interesse. Neben den Gründungsmitgliedern gibt es eine zweiseitige Liste von Interessenten. Sie kommen aus unterschiedlichen Berufen. Jeder kann seine Fähigkeiten und Kenntnisse in das Projekt einbringen: „Unter den Interessenten finden sich eine Bankkauffrau, die an dem Finanzierungsplan mitarbeitet, ein Fachmann für energetisches Bauen, verschiedene Handwerker. Eine Imkerin möchte ihre Bienenstöcke mitbringen. Den Honig kann sie dann im Haus vertreiben. Wir profitieren also alle voneinander – Win-win“, lächelt Rziha.

Anders als in den Mehrgenerationenprojekten, wo Familien ihre Lebenspläne ändern und es immer wieder einen Wechsel in der Bewohnerschaft gibt, ist der Senioren-Genossenschaft Kontinuität sehr wichtig. Dadurch können sich Freundschaften und stabile Beziehungen entwickeln. Das Herzstück des Projektes ist, „dass man sich umeinander kümmert. Wer noch fit ist, kann einen Nachbarn zum Beispiel etwas vom Einkauf mitbringen oder ihm vorlesen. Daher können wir weit mehr bieten, als die zeitlich knapp bemessene Standartpflege eines Pflegedienstes.“

Gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte werden von der Stadt Dortmund gefördert. Das Service-Team „…anders wohnen – anders leben…“ unterstützt seit 2007 mit einem Informations- und Beratungsangebot die Umsetzung alternativer Wohnformen. Thomas Böhm, Leiter des Amtes für Wohnen und Stadterneuerung, begründet das Engagement der Stadt: „Alternative Wohnformen gewinnen angesichts der aktuellen demografischen und ökonomischen Herausforderungen zunehmend an Bedeutung. So können Gemeinschaftliche Wohnprojekte bzw. Baugemeinschaften zu einer ausgewogenen Stadtentwicklung sowie zur Stabilisierung von Wohnquartieren beitragen.“

Bruno Rzhia und seine Mitstreiter sind Pioniere auf dem Gebiet des genossenschaftlichen Wohneigentums von Senioren. Sie sind optimistisch, ihre Idee bald umsetzen können: „Wir hoffen auf jede Menge Nachahmer. Wir glauben, dass unser Konzept ein echter Boom wird!“

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