Schauspielhaus Bochum “Die Kinder von Opel – DAS DETROIT PROJEKT”: Irgendwo zwischen Industrieregion und Kreativstandort

Die Kinder von Opel, Foto: Schauspielhaus Bochum

Am Freitag feierte in Bochum das Stück „Die Kinder von Opel“, ein gemeinsames Projekt vom Schauspielhaus Bochum, kainkollektiv und Urbane Künste Ruhr, Premiere. Aktueller Anlass für das Stück ist die angekündigte Schliessung des Opel-Werkes in Bochum im Dezember diesen Jahres. Angesichts des laut IHK anstehenden Verlustes von fast 10.000 Arbeitsplätzen in der Region, eine Katastrophe. Glaubte man doch im Ruhrgebiet den Strukturwandel, trotz hoher Arbeitslosenquoten und Städten kurz vor der Pleite, insgesamt gut hinbekommen zu haben. Die Regisseure des Stückes, Fabian Lettow und Mirjam Schmucke, haben sich aufgemacht, die Lebensfäden der Menschen aufzunehmen, deren Vita eng mit dem Autowerk verbunden ist. Verschiedene Generationen – die Enkelin, deren Großvater schon bei Opel lernte, die Tochter eines Betriebsrates, der Opel-Arbeiter mit 39 Jahren Betriebszugehörigkeit, treffen sich auf der Bühne. Was beim Dortmunder Nordstadt Crashtest hervorragend gelungen ist – die Zuschauer in fremde Welten zu führen und sie dort unmittelbar andocken zu lassen – ist dem Regie-Duo am Freitag Abend nicht ganz gelungen.

Die Menschen, aus ihrem gewohnten Alltags-Kontext herausgenommen und auf die Bühne gestellt, haben an Authentizität eingebüsst. Gisberth Rüther, der als Farbmischer bei Opel fast vier Jahrzehnte gearbeitet hat, spielt zwar nicht sich selber, er ist er selbst. Doch war man bei dem Nordstadt-Stück wortwörtlich “zu Gast daheim” bei den Leuten und für einen Weile Teil ihrer Lebenswelt, wird man bei der Bühneninszenierung von Opels Kindern zum Voyeur. Der Protagonist sitzt im Guckkasten, der Zuschauer ist außen vor. Angenehm war das nicht in allen Fällen. Ansehen sollte man sich das Stück trotzdem.

Lettow und Schmucke suchten vor Ort in Bochum nach den Spuren, die das Opel-Werk in der Stadt und in den Menschen hinterlassen hat. Sie sind fündig geworden – und die Arbeit, die hinter den zahlreichen Interviews mit Opelianern und Bochumern steckt, das akribische Sammeln von Geschichten, Sounds und Bildern ehrt sie. Die Idee, die unterschiedlichen Schicksale, Generationen und Lebensläufe miteinander zu verknüpfen, ist gut gedacht. Die Geschichten der Arbeiter und ihrer Angehörigen zu sammeln, macht Sinn. Geht doch gerade, wie in vielen anderen Ruhrgebietsstädten zuvor, nicht nur ein Stück Industrie- sondern auch eine Stück Arbeitergeschichte zu Ende. Der Niedergang der Autoindustrie wird im Hintergrund durch einen mit filigranen Strichen gezeichneten Trickfilm dargestellt – die Stimme im Off erzählt fast fröhlich über den Niedergang des riesigen Werkes und bestärkt das Gefühl, dass es bei dem Mutter-Unternehmen General Motors schon lange nicht mehr um Arbeiter und Schicksale, sondern um die Mehrung des Kapital der Aktienbesitzer geht.

Zeichentrickfilm Opel, Illustration: Julia Zeijn

In einzelnen Boxen auf der Bühne erzählen die Protagonisten über ihre Sammel-Leidenschaft für alle Dinge rund um die Marke Opel, die zu der Eröffnung eines Opel-Museum und Gründung eines Opelliebhaber-Vereines führte. Sie berichten über ihren Arbeitskampf, wie ihn das Frauenkomittee „Basta!“ mit bewundernswerten Kampfeswillen unter dem Motto führt: „Schluss mit der Verarschung! Kampf und jeden Arbeitsplatz!“. An andere Stelle werden die Bosse von General Motors gefragt, ob man den Rauswurf angesichts der Milliardengewinne des amerikanischen Autobauers wirklich verdient habe? Da liegt Mut und Verzweiflung nah beieinander.

Als in die Runde der Zuschauer gefragt wird: „Was ist Opel für Dich?“ antwortet einer aus dem Publikum: „Für mich bedeutet es, einen sicheren Arbeitsplatz gehabt zu haben“ und möglicherweise bald Hartz IV. Da taucht Authentizität einen Moment lang auf.

Auf einem Banner steht die Frage “Kann man über seine eigenen Beerdigung abstimmen?“. Ein alter Arbeiter erzählt liebevoll über seine Zeit bei Opel, die ein ganzes Leben andauerte. Die Zuschauer gehen, immer in Bewegung, um die Bühne herum und gewinnen in jede Box Einblicke – und damit Einblick in „das Leben der anderen“. Akustisch ist es eine Herausforderung, den Erzählungen der Protagonisten zu folgen, denn Musik und Hintergrundgeräusche lassen ganze Teile der Erzählungen im Geräuschmix versinken. Schade, denn es macht Spaß den Geschichten zu lauschen. Spätestens beim „Schichtwechsel“ im 6-Minuten-Rythmus durch eine Fabriksirene angekündigt, gehen die Zuschauer zur nächsten Box und folgen der Aufforderung der Theatermacher, sich „in die Nischen einzulassen, genau hinzuschauen“. Das lohnt sich, denn es gibt viel zu sehen: Die Lebens-Orte sind mit viel Liebe zum Detail eingerichtet.

Gabriele Sommer in "Die Kinder von Opel", Foto: Diana Küster

Dennoch packt einen das Stück nicht von Anfang an. Dem Zuschauer könnte das Stück und seine Protagonisten mit etwas weniger, recht kurz gegriffener Kapitalismuskritik („Kapitalismus ist der Gott der neuen Zeit“) näher kommen. Denn freundlich gesonnen, interessiert und „nah dran“ ist der Blick der Regisseure auf die Bochumer ohne Zweifel.

Auch das Einbinden in das DETROIT-PROJEKT, das gemeinsam von Schauspielhaus Bochum und Urbane Künste Ruhr entwickelt wurde, war für das Stück nicht hilfreich. Der Überbau des Stückes – die Verbindung von vier europäische „Opel-Städten“ in Spanien, Großbritannien und Polen in einer Art Schicksalsgemeinschaft, ist zwar in Zeiten der Globalisierung, internationaler Verflechtungen der Unternehmen und Abhängigkeiten der Märkte, legitim. Aber dem etwas sehr hochgegriffene Anspruch, das Projekt sei ein „Katalysator“ und würde „auf künstlerischer wie auch auf diskursiver Ebene einen europäischen Dialog zwischen den „Opel-Städten“ hervorrufen“, konnte das Theaterstück nicht gerecht werden. Für sich alleine hätte es besser dagestanden.

Denn selbst wenn es so wäre, welche Bedeutung könnte dieser Dialog für die von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen haben? Das Credo des Detroit-Projektes, dass sich in Bochum nun „strukturelle Veränderungen abzeichnen, die neue Formen von Arbeit und Beschäftigung erfordern und entsprechend neue Formen von Bildung und Kultur benötigen“, nun ja, diese Form des Diskurses und die Theoriebildung rund um die shrinking cities und andere jetzt-zeitliche Phänomene, dürfte den meisten Opelianern ziemlich am Hintern vorbeigehen. Man darf auch vermuten, dass die meisten der 10.000 Arbeiter keinen Platz in der schönen neuen Welt der „Kreativwirtschaft“ finden, die manche ohnehin nur für eine Subventions-Chimäre halten. Das Theaterstück „Kinder von Opel“ jedenfalls hat dem Zuschauer deutlich gemacht, dass es im Moment in Bochum um real-existierenden Arbeitsplätze und am Ende um nackte Existenzängste und den Verlust der eigenen Identität geht.

Hilmar Born in "Die Kinder von Opel", Foto: Diana Küster

Aus Bochum und Motown macht kainkollektiv „Botown“ und ruft das Motto „This is not!“ – diese Stadt ist nicht die andere, aus. Richtig: Bochum ist nicht Detroit. Dort sind in einigen Vierteln 70 Prozent der Einwohner arbeitslos , 30 Prozent leben in Armut, über 80.000 Häuser sind unbewohnt, die Stadt ist mit ca. 14 Milliarden Euro Schulden insolvent. Die Einwohner bauen inmitten der Stadt Gemüse an – keine urban gardening, sondern Ernährungsgrundlage. Nein, Bochum is not Detroit.

Dennoch sind es die persönlichen und kleinen Geschichten der Bochumer, die berühren – jenseits der großen Fragen zur Globalisierung, der Zerstörung des „american dream“ tief im Osten der USA und der – ohne Rettung des Werkes – anstehenden Massenentlassungen in Bochum. Bei allen Schwächen des Stückes lohnt es sich daher, das Stück anzusehen – für jeden Bochumer ist es Pflicht. Mehr Heimat kann man auf einer Bühne kaum finden.

Am Ende der „theatralen Expedition“, wird auch der zweite Handlungsstrang aufgelöst. Die am Anfang gestellte Frage, „Wo ist das Opelwerk hin?“ wird von den Protagonisten beantwortet: „Wir geben das Opelwerk persönlich an Genral Motors zurück. Schraube für Schraube haben wir es abgebaut und neben dem GM-Headquarter wieder aufgebaut.“

Anderer Vorschlag: Man lässt das Werk I und Werk II einfach dort stehen, wo es ist und macht daraus einen ganz tollen, zukunftsfähigen, boomenden Kreativwirtschaft-Standort. Und rechtfertigt damit zumindest die Arbeitsplätze derer, die unermüdlich an Konzepten des Kreativstandortes Ruhrgebiet feilen.

Mit Hilmar Born, Sercan Gögsen, Amelie Mattern, Jennifer Müller, Gabriele Sommer, Gisbert Rüther, aktive Opelaner in wechselnder Besetzung, Bianca Künzel (Hörspielsprecherin)

Regie, Konzept und Text: kainkollektiv (Fabian Lettow/ Mirjam Schmuck)

Bühne & Kostüm: Jutta Bornemann

Installation/Video: Jan Ehlen

Illustration: Julia Zeijn

Videoschnitt: Julia Zejn, Silvia Dierkes (Das Cabinet)

Musik/Hörspiel: Rasmus Nordholt

Dramaturgie: Sabine Reich, Seta Guetsoyan

In Zusammenarbeit mit der Zukunftsakademie NRW (ZAK).

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