„Die schwarze Flotte“ und was sie schon immer über Journalismus wissen wollten

Die schwarze Flotte (Andreas Beck) ; Foto: Birgit Hupfeld

Die schwarze Flotte (Andreas Beck) ; Foto: Birgit Hupfeld

Wie entstehen spannende Reportagen, investigative Stories, aufwendige Recherchen? Diesen Fragen geht Intendant Kay Voges in dem Stück „Die schwarze Flotte“ nach. Auf großen Schiffen und Tankern werden Waffen, Drogen und Menschen weltweit transportiert. Ob Flüchtlinge aus Syrien, Drogen aus Marokko oder Waffen aus Russland – die Händler des Todes interessiert das nicht. Denn es geht um viel Geld. Dahinter steckt ein Netzwerk aus Kriminellen, Angehörigen der Mafia und möglicherweise auch einigen Regierungen. Wer hinter dem Riesengeschäft steckt, wer die Schattenleute sind und wer das ganz große Geld mit diesem Handel macht, recherchierte der Rechercheverbund CORRECT!V.

Die Rolle des Journalisten spielt Andreas Beck – als (Proto)typ der schreibende Zunft ist er überzeugend. Er schwitzt, verzweifelt, sinniert, rennt gehetzt hin und her, sammelt Fakten, scrollt durch ewig lange Datenlisten, verbindet kleine Eckpunkte miteinander, verknüpft Informationsbruchstücke und sucht nach Quellen, die verlässlich sind. Er ist getrieben von Neugierde, dem Wunsch die Welt zu verstehen und dem Ehrgeiz, eine gute Story zu finden. Seine Figur des leidenschaftlichen, investigativen Journalisten legt Andreas Beck irgendwo zwischen dem wunderbaren Dude und dem großen Michael Moore an.

Beck bestreitet den Abend im Dauer-Monolog – eine Meisterleistung! Man darf ihn in dem intensiven inneren Prozess und seinen Recherchen begleiten. Was an manchen Stellen wie ein spannender Krimi klingt, nach einem Scoop, kann schon im nächsten Moment zusammenbrechen. Ein Verbindungsstück fehlt, eine falsche Auskunft legte die falsche Fährte.

Doch bald schon nähern sich die Recherchen einem interessanten Aspekt: im Moment wird das ganz große Geschäft mit den weltweiten Flüchtlingsströmen gemacht. Während ein Schiff auf der Hinfahrt Waffen transportiert, kann es auf dem Rückweg diejenigen mitnehmen, die vor ihnen fliehen müssen. Und mit der Ladung Mensch können Schmuggler den richtig fetten Gewinn machen. Flüchtlinge sind als Fracht besonders beliebt: „Sie sind ja auch nur Ware, müssen aber nicht ankommen“ lächelt Beck müde. Besonders lukrativ wird dieses Geschäft durch das Aufteilen einer ganzen Flotte von Schiffen. So wird das Risiko unter den Reedern und Schiffsbesitzern paritätisch geteilt. Geht ein Tanker verloren, weil ein Deal auffliegt, teilt man sich die Verlustkosten. Gewinnoptimierung – Risikominimierung, win-win. Beck grinst mit verzerrten Gesicht.

Die schwarze Flotte; Foto: Birgit Hupffeld

Die schwarze Flotte; Foto: Birgit Hupfeld

Die Bundesrepublik kommt bei der Beschreibung dieses globalen Spiels nicht gut davon: Die Bürokratie der deutschen Behörden sei rastlos „wie ein manisch depressives ADHS Kind vor einem Kreuzworträtsel“ – nur leider ohne Ergebnis. Bis ein Amtshilfeabkommen des Auswärtigen Amtes beantwortet wird, vergehen Monate. Oder es landet gleich in „Ablage P“ und rinnt als bunte Streifen aus einem Papierschredder.

Das Journalistenteam besteht aus dem Protagonisten und aus Mario und Monika. Sie fragt mit Charme erfolgreich nach geheimen Vorgängen am heimatlichen Hafen in Italien und durchforstet sonst von einem umbrischen Hügel aus mit Akribie Datensätze. Sie arbeitet nach dem Motto „alles hängt mit allem zusammen und je mehr man in die Tiefe geht, desto komplexer wird es“. Mit dieser Methode erzielt sie sensationelle Rechercheergebnisse für das Team (man erfährt an dieser Stelle viel über Datenjournalismus).

Die Hauptfigur des Stückes hingegen ist der eher kernige Journalisten-Typ. Er hat die richtige Spürnase, flotte Reportersprüche auf den Lippen und den Berufs-Habitus „Dicke Hose“. Im Laufe der schwierigen Recherchen gewinnt er an Größe. Er lacht selbstironisch über seine Misserfolge und wird angesichts des Zynismus, mit dem sich die Strippenzieher an der Not der Flüchtlinge bereichern, zunehmend weich – dort wo andere Kollegen längst selbst zu Zynikern geworden sind. Angesichts des scheinbar unüberwindbaren globalen Elends durch Kriege von Somalia über die Krim bis nach Syrien, an dem immer irgendwo irgendjemand gut verdient, droht er am Ende in die Knie zu gehen. Allen voran verdienen deutsche Firmen: Heckler und Koch, Kraus Maffei und Rheinmetall an dem Irrsinn – unter den wohlwollenden Augen des Bundessicherheitsrats.

Die Bilder und Videos sind 100 % präzise auf den monologischen Text abgestimmt. Die schwierigen technischen Bedingungen in der Interims-Spielstätte des Megastores sind dank Mario Simon nicht zu merken. Auf den Videoprojektionen im Hintergrund sehen die Schiffe wie kleine bunte Falter aus, die vor einem tiefschwarzen Nachthimmel schweben. Gestört wird das Bild nur durch die Struktur eines Zaunes an der Rückwand des Bühnenbildes. Seitdem Europa gegen die Flüchtenden hohe Grenzzäune zwischen Andalusien und Österreich-Ungarn errichtet, werden immer mehr Menschen auf den Seeweg getrieben. Bald wird dies der einzige Weg aus den Kriegs- und Krisengebieten sein. Die Meere haben ihre Unschuld verloren. Die Überfahrt ins sichere Europa ist teuer – sie wird häufig mit dem eigenen Leben bezahlt.

„Die Schwarze Flotte“ ist sowohl ein innovatives Journalismus-Format als auch ein spannendes Theaterexperiment. Treffen Presse und Bühne zusammen, kann daraus etwas Neues, Interessantes entstehen. Der Abend war wohltuend weit weg von den Beschimpfungen „Lügenpresse“ auf Pegida-Demos und den Drohungen gegen Journalisten auf rechten Aufmärschen. Ob die Darstellung von Rechercheergebnissen auf der Bühne die Lösung für die aktuelle Krise des Journalismus ist, darf angezweifelt werden. Begegnet er doch im Theaterraum mehrheitlich den ihm ohnehin wohlwollend Zugewandten – seinen Leserinnen und Leser.

Ein bisschen weniger journalistischer Heroismus und zum Ende hin etwas weniger Pathos hätte dem Stück nicht geschadet. Ja es stimmt – die Welt ist komplex, die Bösen sind global gut vernetzt und der aufrechte Gang nicht mehr besonders gefragt. Wir wissen das. Und es ist zum Kotzen. Manchmal zum Verzweifeln. Deswegen hilft leider nur eines: hinsetzen, weiterschreiben. Denn auf gut recherchierten Journalismus kann man auch in Zukunft nicht verzichten.

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