Gerechtigkeit ist immer einen Streit wert

Marianne Brentzel, Foto: Ulrike Märkel, 2013

Marianne Brentzel, Foto: Ulrike Märkel, 2013

Der Artikel erschien im Magazin BODO. Marianne Brentzel, die Dortmunder Schriftstellerin, erhielt im November 2014 den Literaturpreis Ruhr für ihr Gesamtwerk, das mehrere Biografien über historische Frauen, einen Porträtband Obdachloser und einen biografischen Roman über die bewegte Zeit der 70er Jahre umfasst. Ein roter Faden, der sich durch Leben und Werk der Autorin zieht, ist das Thema Gerechtigkeit.

Marianne Brentzel interessiert sich wenig für die nach außen gezeigte, glatte Fassade der Menschen. Sie folgt lieber den krummen Wegen, entdeckt unerwartete Entwicklungen und findet die Bruchstellen im Leben. Sie ist, wie bei Else Ury, Autorin des berühmten „Nesthäkchen“, immer auf der Suche nach dem Kern der Person. Die porträtierten Frauen sind in ihrem Handeln oft schwer zu begreifen, sie sind kompliziert und widersprüchlich – ihr Leben ist doppelbödig.

Doch gelingt es der Preisträgerin durch die Mischung aus Distanz und echtem Interesse, ein vollständiges Bild der Persönlichkeiten zu zeichnen. Das Leben der Jüdin Margherita Sarfatti, Geliebte von Mussolini, bringt sie ihren Lesern ebenso näher wie die Biografie der Berta von Pappenheim, Patientin des Psychoanalytikers Josef Breuer. Die Autorin fasziniert vor allem, dass von Pappenheim nach Überwindung ihrer psychischen Leiden ein neues Leben begann und als Gründerin des „Jüdischen Frauenbundes“ eine Kämpferin für die Rechte der Frauen wurde. Der Einsatz für Gleichberechtigung ist auch für die Autorin eine Herzenssache. Der Lebensweg der DDR-Justizministerin Hilde Benjamin, die als „blutige Hilde“ Schauprozesse gegen politische Gegner führte und Todesurteile fällte, ist sperrig – diese Brentzel-Biografie bietet reichlich Reibungsfläche. Doch macht gerade das Gegensätzliche ihre Frauenbiografien so spannend. Das Gleiche gilt für ihren ersten Roman „Rote Fahnen – Rote Lippen“.

Unerwartete Wendepunkte sind ihr aus ihrem eigenen Leben bekannt, in der Geschichte über die Erlebnisse zweier junger Frauen in einer maoistischen Organisation verarbeitet sie auch eigene Erlebnisse. Sie hatte sich in den siebziger Jahren einer der „K-Gruppen“ angeschlossen, Antrieb war ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Dass der Maoismus nicht der richtige politische Weg für die Lösung sozialer Probleme war, wurde ihr nach einer Chinareise schmerzlich bewusst. Bereut hat sie diese Zeit nie, und es liegt ihr fern, diese Prägung ihres politischen Denkens zu verleugnen. Die Lust am Streiten lässt sich Marianne Brentzel auch heute nicht nehmen – für sie ist Streit das produktive Ringen um Ideen und Ansichten. Daher passt es gut, dass die Autorin zweimal im Jahr mit dem „Bücherstreit“ ein Literaturquartett der besonderen Art ausrichtet.

Den Preis möchte die Preisträgerin nicht nur für sich selbst nutzen, sondern mit anderen teilen. Neben ihren Kindern wird das „Gast-Haus“ einen Teil des Preisgeldes bekommen. In der Wohnungslosen-Initiative unterstützt sie jede Woche Menschen dort, wo es um Existenzfragen geht. Für sie ist dieses Engagement im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“ selbstverständlich. Für andere ist es ein Zeichen dafür, dass sich ihr Lebensthema Gerechtigkeit nicht nur in gedruckter Form in ihren Büchern wiederfindet, sondern in ganz reellen Taten.

Erschienen in der BODO 12/2014 

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